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Alexithymie, Gefühlsblindheit

Alexithymie ist keine Krankheit im eigentlichen Sinn, sondern ein in der Bevölkerung bei etwa zehn Prozent anzutreffendes Persönlichkeitsmerkmal. Die meisten großen bevölkerungsrepräsentativen Studien stammen aus Skandinavien, in denen mit dem TAS-20-Fragebogen Alexithymie erhoben wird. Die Ergebnissen zeigen, dass mehr Männer, aber auch mehr Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status, Menschen mit geringer Bildung und ältere Menschen davon betroffen sind. In der klinischen Praxis findet man allerdings mehr Frauen als Männer, vor allem im Zusammenhang mit Schmerzstörungen, während man bei einigen vermutlich durch Alexithymie induzierten Erkrankungen - vor allem Süchten - mehr Männer findet.

Der Begriff Alexithymie wurde von Peter Sifneos in den 70er Jahren geprägt, als man bei Epileptikern nach der Lobotomie feststellte, dass sie danach emotional ratlos wirkten. Emotionsforscher bezeichnen dieses Phänomen als emotionales Analphabetentum oder Gefühlsblindheit, denn wenn solche Menschen über Gefühle reden, klingt das, als ob Blinde beschreiben, wie schön ein Sternenhimmel ist. Gefühlsblinde empfinden meist weder Trauer noch Freude, wobei für das soziale Umfeld dieser Gleichmut unter Umständen sehr schwer zu ertragen ist. Bei der Alexithymie - einem in der Psychologie bisher eher wenig erforschten Phänomen - zwischen verschiedenen Ausprägungsgraden unterscheiden, denn zum einen gibt es alexithyme Menschen, die keine Schwierigkeiten damit haben, zum anderen gibt es alexithyme Menschen, die sowohl körperliche als auch psychische krankhafte Symptome zeigen. Eine Forschungsrichtung beschäftigt sich demnach hauptsächlich mit repräsentativen Studien der Verbreitung der Alexithymie in der Bevölkerung, während andere sich mehr den Betroffenen widmen, die mit Problemen in Verbindung mit Alexithymie zu tun haben, wobei stets zunächst abzuklären ist, inwieweit Alexithymie bei diesen Personen eine krankheitsvermittelnde Komponente besitzt.

Als Persönlichkeitsmerkmal tritt es meist früh in der Kindheit auf, bleibt über die Zeit stabil und beeinflusst das soziale Verhalten, wie die Wahl des Berufes oder des Partners. Das Erlernen vom Wahrnehmen und schließlich das Ausdrücken von Gefühlen ist in der menschlichen Entwicklung ein langer sozial induzierter Lernprozess, bei dem viel schief laufen kann. Jedem Menschen ist ein Repertoire mimischer Gesichtsausdrücke für die primären Gefühle wie Angst, Trauer, Freude oder Neugier angeboren, die mit dem jeweils spezifische Muster körpereigener Reaktionen gekoppelt sind, also etwa die Ausschüttung von Adrenalin bei Angst. Das kann man schon bei Kindern kurz nach der Geburt beobachten, doch bevor ein Kind klar denken und formulieren kann, ich habe jetzt Angst, muss es viele Entwicklungsstufen durchlaufen. Ein Mensch, der alexithyme Symptome aufweist, hat als Kind vermutlich nicht alle dafür notwendigen Entwicklungsschritte durchlaufen, wobei die meisten Fehlentwicklungen auf die sozialen Interaktionen zwischen dem Kind und seiner Umgebung zurückgeführt werden können.

Im Vordergrund steht, dass die Betroffenen mit emotionalem Erleben nicht viel anfangen können und sehr faktenorientiert denken, handeln und kommunizieren, wobei es aber natürlich auch sinnvoll ist, manche Entscheidungen eher rational zu treffen, etwa die für einen Beruf. Bei Frauen findet man dieses Phänomen aber auch manchmal in der Wahl des Partners, der dann weniger unter dem Gesichtspunkt der emotionalen Zuneigung als unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Passung (Status, Einkommen) getroffen wird. Alexithyme denken sehr zielorientiert, d.h., wenn der potenzielle Partner oder Schwiegervater viel Geld besitzt, ist das ein Argument für das Eingehen einer Partnerschaft. Wenn die Frau aussieht, als ob sie keinen Ärger macht, ist das auch ein rationales Argument. Alexithyme treffen also im Leben nicht unbedingt falsche Entscheidungen, aber sie treffen sie anders. Dabei sind Alexithyme nicht absolut gefühllos sind, d.h., ihr Körper reagiert in Situationen, die bei anderen negative Gefühle auslösten, genauso, sie sind sich aber der damit verbundenen Gefühle weniger oder nicht bewusst. Betroffene haben also weniger Zugang zu ihren Gefühlen, grundsätzlich jedoch nicht weniger Gefühle als andere, vielmehr sind ihre Gefühle weniger differenziert und können diese voneinander nicht so gut unterscheiden. Manche Alexithyme spüren zwischen dem physiologischen Erleben und dem gedanklichen Verstehen und Einordnen eine Differen, die sie nicht einordnen können. Alexithyme können ihre emotionale Sphäre etwa auch in Partnerschaften nicht für ihre Entscheidungen nutzen und bekommen subtile zwischenmenschliche Facetten in der partnerschaftlichen Kommunikation nicht mit bzw. ordnen diese oft falsch ein. So können sie Trauer oder Enttäuschung beim Partner als Ärger oder Aggression erleben, was die Kommunikation natürlich sehr schwierig macht.

Gefühlsblinde finden selbst diese Eigenschaft oft gar nicht so schlecht, denn sie reagieren in kritischen Situationen nicht so schnell über, haben sich eher im Griff und sind nicht so emotional wie andere Menschen. Doch manchmal sagt der Partner, dass es schön wäre, wenn sie offener wären und sich besser einfühlen könnten.

Weil sie nicht nur ihre eigenen Gefühle nicht wahrnehmen, sondern auch die anderer Personen nicht gut spüren können, tauchen für Gefühlsblinde einige Probleme im Umgang mit anderen auf. Viele lernen daher schnell, das zu tun, was andere im Alltag von ihnen erwarten. Wenn sie lachen, dann meist nur, weil sie wissen, dass die Gegebenheit es so will, aber das Lachen kommt nicht von innen her. Alexithyme sind in diesem Sinn meist sehr gute Schauspieler. Alexithyme können daher auf die Dauer steif wirken, und ihre Mimik und Gestik ist häufig nicht sehr ausgeprägt. Typisch für die Alexithymie ist auch ein nach außen gerichteter Denkstil, d.h., diese Menschen sind mehr auf das Faktische bezogen, während Phantasie wenig Bedeutung besitzen und oft als sinnloser Zeitvertreib angesehen wird, sodass sie eine negative Einstellung dazu entwickeln und deshalb das Fiktive aber auch Krative innerlich abgelehnt wird.

Bei der Gefühlsblindheit gibt es verschieden starke Ausprägungen wie bei jedem Persönlichkeitsmerkmal, wobei es Fälle gibt, in denen der Mangel an Einfühlungsvermögen pathologisch wird. Bei Menschen, deren Gefühlsblindheit stark ausgeprägt ist, kann die Schwierigkeit, Gefühle zu erkennen und mitzuteilen sogar ihre Gesundheit gefährden. Mit solchen Beschwerden und klassischen Krankheitsbildern der Psychosomatik klagen die Betroffenen dann über körperliche Missempfindungen oder Beeinträchtigungen, wobei die aufgesuchten Ärzte aber keine organischen Ursachen dafür finden können. Hinter der Psychosomatik steckt die Vorstellung, dass Emotionen immer auch auf körperlicher Ebene Ausdruck finden, wie etwa ein erhöhter Herzschlag bei Angst. Solche körperlichen Reaktionen werden von alexithymen Menschen falsch verstanden beziehungsweise können nicht sicher eingeordnet werden, was zu Verwirrung führen kann.

Weil Alexithyme ihre körperlichen Reaktionen auf Gefühle zwar nicht gut zuordnen, aber sehr wohl spüren können, deuten sie Herzrasen nicht als Signal von Angst, sondern als Symptom einer Herzerkrankung, und Grummeln im Bauch nicht als Nervosität, sondern als Bauchschmerzen. Gefühlsblinde machen viel mehr Fehler dabei, die Ursache für körperliche Empfindungen zu finden. Etwa werden zwar im Allgemeinen mehr körperliche Auffälligkeiten wie Schmerzen berichtet, aber unter anderem auch deswegen, weil bei negativen Gefühlen diese isoliert wahrgenommen werden und mit der dahinterstehenden sozialen Stresssituation nicht in Zusammenhang gebracht werden können. Körperliche Beschwerden ohne organische Ursache wie Reizdarm oder andere Schmerzbeschwerden quälen Gefühlsblinde häufiger.

Und auch psychische Probleme gehen oft mit der Alexithymie einher, denn mit Gefühlen, die einem nicht klar sind, lässt sich auch schlecht umgehen. Die Fähigkeit, Gefühle bewusst zu regulieren, ist zumindest auf Ebene des Umdeutens negativer Situationen in einen anderen, positiven Sinn beeinträchtigt. Alexithyme regulieren eher durch die Unterdrückung aller emotionaler Regungen, was soziale Kontakte schwierig macht und zu negativen Erfahrungen und dadurch zu noch mehr Unsicherheit führen kann. Bekanntlich ist das Sprechen über Gefühle ein wichtiges Ventil, um auf Dauer gesund zu bleiben, und Alexithyme haben diese Möglichkeit nicht oder beherrschen sie nur unzureichend. In zahlreichen Studien konnten Forscher Zusammenhänge von Alexithymie mit psychischen Problemen wie Essstörungen, Drogenmissbrauch, Depressionen und Angststörungen nachweisen. Obwohl die Gefühlsblindheit offiziell keine Krankheit ist, kann der fehlende Zugang zu sich selbst den Betroffenen das Leben ziemlich schwer machen. Alexithymie ist dann ein Risikofaktor, wenn belastende Lebensereignisse hinzukommen, in denen ein kompetenter Umgang mit Gefühlen nötig ist. Hier können die Betroffenen schon eher eine Depression oder eine Angststörung entwickeln.

An Ursachen für die Alexithymie vermutet man nach einer Studie mit fast 8800 Zwillingspaaren genetische Faktoren, aber auch emotionale Vernachlässigung in der frühen Kindheit ist ein wichtiger Faktor bei der Entstehung der Alexithymie, denn Kinder müssen mit Hilfe der Eltern erst lernen, den vielen körperlichen Gefühlsregungen wie Schwitzen oder Bauchgrummeln Wörter wie Freude, Wut oder Angst zuzuordnen. In einer gefühlsarmen Familie aufzuwachsen macht es für die Kinder schwierig, das zu lernen. Studien konnten bereits zeigen, dass das Ausmaß der Gefühlsblindheit bei beiden Elternteilen direkt mit der ihrer Kinder zusammenhängt. Eltern, die ahnen, dass sie selbst gefühlsblind sind, sollten daher gemeinsam mit ihren Kindern zum Therapeuten gehen. In einer gefühlsarmen Familie aufzuwachsen macht es für Kinder schwierig, die richtige Einordnung ihrer Erregungen zu lernen, wobei Studien zeigen, dass das Ausmaß der Gefühlsblindheit bei beiden Elternteilen direkt mit der ihrer Kinder zusammenhängt. Eltern, die ahnen, dass sie selbst gefühlsblind sind, sollten gemeinsam mit ihren Kindern zum Therapeuten gehen. In der klinischen Anamnese wird daher meist nach einem frühen Defizit gefragt, dass durch genetische oder Umweltfaktoren oder aber auch frühe traumatische Einflüsse aufgetreten sein könnte. Alexithymie kann aber auch in manchen Fällen als ein Schutzfaktor angesehen werden, was bedeutet, dass die oder der Betroffene so viele negative Erfahrungen machen musste, dass er sich vor zu intensiven, vor allem aber negativen Gefühlen unbewusst abschirmt. Daher gibt es Hinweise darauf, dass der Zugang zu den eigenen Gefühlen auch durch physischen oder sexuellen Missbrauch aus Schutz verstellt werden kann.

Viele wählen aber erst eine psychotherapeutische Behandlung, wenn schon einiges schiefgelaufen ist. In die Therapie gehen Alexithyme meist wegen konkreter Symptome, wie etwa Schlafstörungen oder Depression. Eine Therapie kann in der Tat helfen, Gefühle zu erkennen, zu benennen und auch besser mit ihnen umzugehen, wobei diese in der Therapie mit körperlichen Empfindungen verbunden werden müssen. Die Dauer einer Behandlung und der Erfolg hängen sowohl von der Schwere der Alexithymie und von der Einstellung und Offenheit des Betroffenen ab, denn dieser muss sich auf ein völlig neues Verständnismodell seiner Probleme einlassen. Neben verbalen Psychotherpieformen werden auch Verfahren eingetzt, die das Körpererleben oder Selbsterleben anregen, wie zum Beispiel Kunst- oder Tanztherapie. In solchen Therapien haben die Betroffenen die Möglichkeit, bestimmte Dinge nachzuholen oder die gelernte Schutzhaltung zu lockern bzw. loszulassen.

Quellen:
Jiménez, F. (2010). Jeder elfte Deutsche ist blind gegenüber Gefühlen.
WWW: http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article10799184/Jeder-elfte-Deutsche-ist-blind-gegenueber-Gefuehlen.html (10-11-10)
http://lexikon.stangl.eu/1495/alexithymie/ (09-10-02)
Jana Zeh interviewt Claudia Subic-Wrana für n-tv unter dem Titel "Gefühlsblindheit macht krank".
http://www.n-tv.de/wissen/Gefuehlsblindheit-macht-krank-article2109961.html (10-12-11)



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