Studienabbruch und seine Ursachen

10. Juli 2010 – 11:57

Auf Grund geringer werdender finanzieller Mittel und zunehmender Leistungsorientierung haben die Themen Studienerfolg und –abbruch an Bedeutung gewonnen. Für den Abbrecher war die Studienzeit vor dem Abbruch eine Fehlinvestition, da die betroffene Person Zeit und Geld verloren hat. Ein Studienabbruch bedeutet auch aus universitärer Sicht eine Vergeudung finanzieller Ressourcen. Das bedeutet Lehrkapazitäten und Bildungsangebote wurden genutzt, ohne dass die dabei erworbenen Kenntnisse jemals der Gesellschaft zur Verfügung stehen werden.
In Deutschland verlassen jährlich 70 000 Studenten die Universität ohne Abschluss, das sind 23% der Studienanfänger.
Die Studienabbrecher wurden mit den Weiterstudierenden hinsichtlich folgender Merkmale verglichen: Motivation, Aspekte des Selbstkonzepts, Lernstrategien, soziale Kompetenz, Wahrnehmung der Lehrqualität, epistemologische Überzeugungen und Finanzierung des Studiums.

Die Stichprobe setzte sich aus 47 Studienabbrechern und 94 Weiterstudierenden zusammen. Die Testpersonen wurden sechs Jahre lang befragt. Als Studienabbrecher wurden jene Studenten klassifiziert, die ihr Studium ohne Abschluss beendeten ohne es an einer anderen Universität fortsetzen zu wollen. Es wird zwischen Frühabbrechern (Abbruch im ersten oder zweiten Semester) und Spätabbrechern (Abbruch ab dem dritten Semester) unterschieden.
Weiterstudierende waren Personen, die sich regulär im Studium befanden. Studierende die einen Hochschulwechsel vollzogen hatten, zählten zu keiner dieser Gruppen (vgl. Schiefele, Streblow & Brinkamnn, 2007, S. 127ff).

Die größte Gruppe der Studienabbrecher bildeten die Lehramtstudenten, gefolgt von Rechtswissenschaften, Psychologie, Pädagogik und Biologie. Die restlichen Abbrecher verteilten sich auf insgesamt 12 Fächer.
Studienabbrecher unterschieden sich von Weiterstudierenden vor allem hinsichtlich motivationaler Merkmale, der wahrgenommenen Lehrqualität, des selbsteingeschätzten Kenntnisstands, des Strategieeinsatzes und der sozialen Kompetenz im Studium. Die Studienabbrecher verfügten über schlechtere Abiturnoten. Spätabbrecher hatten allerdings bessere Noten als Frühabbrecher, da leistungsfähigere Studierende länger im Studium verbleiben, auch wenn sie später abbrechen. Beide Abbrechergruppen verfügten über ein vergleichbares Ausmaß an Demotivation und Desinteresse am Studium. Außerdem wurden Organisationsstrategien von potentiellen Studienabbrechern kaum genutzt. Auffällig war auch, dass sich Abbrecher selbst zu niedrige Kenntnisse zuschrieben. Es scheint als würde die Beurteilung von Kompetenz beziehungsweise Engagement der Lehrenden eine wichtige Rolle spielen, da diese von Studienabbrechern schlecht bewertet wurde. Man kann feststellen, dass sich Abbrecher und Weiterstudierende zu Studienbeginn hinsichtlich schulischer Leistungsfähigkeit, Motivation, Einsatz von Lernstrategien und Beurteilung der Lehrqualität signifikant unterscheiden. Die größten Differenzen ergaben sich bei Motivation und Studieninteresse. Vermutlich entwickeln Studierende nicht gleich zu Beginn, sondern erst im Laufe des Studiums die negativen Merkmalsausprägungen, die schließlich zu einem Studienabbruch führen. Befunde belegen, dass schon zu Studienbeginn erkennbare Symptome eines späteren Abbruchs existieren. Mit zunehmender zeitlicher Nähe zum Abbruchszeitpunkt werden die Unterschiede zwischen Abbrechern und Weiterstudierenden immer größer.
Der Abbruchsentscheidung in den beiden Abbrechergruppen liegen teilweise unterschiedliche Prozesse zu Grunde. Ein früher Studienabbruch kann positiv gesehen werden, da die Studierenden somit sehr schnell die Konsequenzen ziehen. Sie können sich ohne großen Zeitverlust anderen Projekten und Zielen zuwenden.
Spätabbrecher beenden ihr Studium erst später, da sie die Hoffnung, dass sich die Situation verbessert, noch nicht aufgegeben haben. Möglicherweise spielen auch äußerer Druck und ein Mangel an Alternativplänen eine wichtige Rolle (vgl. Schiefele, Streblow & Brinkmann, 2007, S. 132ff). Das Risiko eines frühen oder späten Studienabbruchs kann mit Hilfe einer umfassenden Studienberatung gemindert werden. Diese kann den Betroffenen dabei helfen, die Entscheidung für ein Studienfach besser zu rechtfertigen und die Wahl eines neuen Fachs erleichtern. Zusätzlich sollen Studenten ausführlich zu ihrer Motivation und Persönlichkeit befragt werden. Sie sollen auch regelmäßig Leistungs- und Fähigkeitstests bearbeiten. Studenten sollen Fragen bezüglich Motivation, soziale Integration, Lernstrategien, Beurteilung von Lehrenden und ihrem aktuellen Kenntnisstand beantworten. Dieses Konzept kann auch studienbegleitend angewendet werden, um negative individuelle Entwicklungen, die erst während des Studiums auftreten, frühzeitig zu identifizieren. Zur Prävention des Studienabbruchs ist es sinnvoll motivationsfördernde Gestaltung von Lehrveranstaltungen zu berücksichtigen (vgl. Siefele, Streblow & Brinkmann, 2007, S. 139f).

Siehe auch Was unterscheidet Studienabbrecher von anderen Studierenden?

Literatur
Schiefele, U., Streblow, L. & Brinkmann, J. (2007). Aussteigen oder Durchhalten. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 39, 127-140.

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