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Der normative Theorieansatz

Vereinfacht gesagt, ist das Ziel der Vertreter der normativen Position, die Welt zu verstehen und auf der Grundlage von moralischen Werten, die von diesen Autoren als ursprünglich angesehen werden, Rat zu geben. Wichtigste Methode dabei ist die Hermeneutik. Eine wichtige Rolle spielt bei diesen Ansätzen auch das Verständnis des Forschers für den anderen und die Einfühlung in seine Lage und Probleme.

Die Behandlung des empirisch-analytischen Paradigmas hat ergeben, daß die Grundprämisse der nomologischen Richtung an der prinzipiellen methodologischen Gleichartigkeit von Naturtatsachen und sozialen Phänomenen anknüpft. Die programmatische Unterscheidung von Naturgegebenheiten und sozialen Prozessen als genuin unterschiedliche Gegenstandsbereiche einer wissenschaftlichen Betätigung kann so als allgemeinster Trennpunkt der beiden Groß-Paradigmen: empirisch-analytische bzw. normative Position gesehen werden. Die prinzipelle Besonderheit des Objektbereiches der (Geistes-) oder Sozialwissenschaften liege darin, daß Naturdinge dem Menschen, äußerlich, invariant und selbst vom Erkenntnisprozeß durch den Menschen nicht unmittelbar berührt sind, soziale Prozesse aber selbst geschaffen, damit (nach Intentionen) variabel und veränderbar sind.

Welt kann daher in der Philosophie immer nur "interpretiert" und "verstanden" und nicht bloß äußerlich "erkannt" werden.

Bezüglich der Erkenntnisvoraussetzungen wird geltend gemacht, daß es einen prinzipiellen Unterschied mache, ob der Erkennende selbst Teil des Objektbereiches sei oder nicht. Es bestehe dabei die Chance, nicht bloß äußerlich zu erkennen, sondern gleichsam aus der Teilnahme heraus den vollen Sachverhalt zu erleben.

Als einzige mögliche und angemessene Erkenntnisverfahren verbleiben so auch nur Methoden der intuitiven und introspektiven (wenn auch intersubjektiv abzusichernden) Einfühlung und Interpretation, mit allen sich daraus ergebenden Besonderheiten, wie dem Verzicht auf Erklärung durch universale Gesetzte. Intentionen können nur verstehend nachvollzogen, nicht aber kausal erklärt werden. Daher müsse an die Stelle der kausalen Erklärung ("warum") die teleologische Erklärung ("wozu") treten. Eine Erklärung nach universellen Gesetzen sei überdies für die Sozialwissenschaften nicht nur inadäquat, sondern unmöglich, weil Soziales sich ständig wandle, niemals Identisches aufweise.

Diese Verfahrensweisen korrespondieren eng mit dem besonderen Erkenntniszielen der Vertreter des Methodendualismus: Weder die Suche nach universalen Gesetzen noch die Kumulation kognitiver Aussagen und empirisch wahrer Theorie liegt im Erkenntnisinteresse, sondern die Begründung einer normativ anweisenden Geschichtsteleologie, der Entwurf des "Guten" und die Vorstellung von anderen "Lebensmöglichkeiten" gegen das historisch gewordene und als Besseres Denkbare sind das Ziel.

Eine der Grundfragen bei der Klassifizierung von wissenschaftstheoretischen Positionen lautet also: Gibt es nur eine Wissenschaft als Einheitswissenschaft oder müssen mehrere Verständnisweisen von Wissenschaft angenommen werden. Die Beantwortung dieser Frage unterscheidet die verschiedenen wissenschaftstheoretischen Ansätze voneinander. Historisch betrachtet findet sich bei John Stuart Mill die Unterscheidung zwischen "natural-sciences" und "moral-sciences". Die letzten beziehen sich auf die spezielle menschliche Natur als "Geistwesen", sind also - mit einem modernen Begriff ausgedrückt - "anthropologische Wissenschaften".

Die oben genannte Unterscheidung beruht auf der Behauptung der Eigenheit des Objektbereiches bzw. der Phänomene dieser "moral-sciences", weil ihre Aussagen gegenüber den Naturwissenschaften weder die gleiche Gewißheit besitzen, noch Prognosen in gleicher Weise möglich machen wie in den Naturwissenschaften. Nimmt man diese Kriterien als konstitutive Bestandteile einer Wissenschaftsauffassung, dann verbindet sich eine solche Feststellung mit einer Rangordnung und Wertung der Wissenschaften, in der die Naturwissenschaften die oberste Stelle einnehmen.

"Da die Phänomene, womit sich diese Wissenschaft befaßt, die Gedanken, die Gefühle und die Handlungen menschlicher Wesen sind, so würde sie die ideale Vollkommenheit einer Wissenschaft erreicht haben, wenn sie uns in den Stand setzte, mit derselben Gewißheit vorauszusagen, wie ein Individuum sein ganzes Leben hindurch denken, fühlen und handeln wird, womit die Astronomie uns erlaubt, den Ort und die Verfinsterung der Himmelskörper vorauszusagen. Es ist kaum nötig zu sagen, daß dies nicht einmal annäherungsweise geschehen kann."

 

Wilhelm Dilthey

Die Übersetzung des Millschen Terminus der "moral-sciences" in Geisteswissenschaften erfolgte im 19. Jahrhundert auf dem Hintergrund des Geistbegriffs des deutschen Idealismus, der dadurch auszeichnet, das eigentlich "Wirkliche" in Ideen, im Denken zu sehen, und die uns umgebende Wirklichkeit in ihrem Wesen für nicht erfaßbar und nicht erkennbar zu halten. Alle idealistischen Erkenntnisbegriffe laufen daraus hinaus, die Erkenntnis von ihrem wirklichen Gegenstand, der objektiven Realität zu trennen.

Auf Basis dieses Geistbegriffes entwickelte Dilthey sein Programm einer Geisteswissenschaft. Sie ist eine Wissenschaft, die vorrangig nicht auf Gesetzmäßigkeiten, sondern in erster Linie auf historische Einmaligkeit gerichtet ist, und beruht auf der Annahme, daß menschliche Handlungen nicht notwendiger Weise in einem Ursache-Wirkungszusammenhang stehen und deshalb dem naturwissenschaftlichen Erklären nicht zugänglich sind, sondern nur dem geisteswissenschaftlichen Verstehen. Das Verstehen als die Methode der Geisteswissenschaft bildet für Dilthey jenen Vorrang, "in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen". Verstehen meint also durch Interpretation den Sinn, die hinter den Dingen stehende Bedeutung zu erfassen.

Dilthey suchte nach einer Krise der Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. Jhdt. für diese einen neuen Ansatz. Eine Ursache für die Krise sah er im systematischen Denken der Philosophie: "In den Adern des erkennenden Subjektes, das Kant, Locke und Hume konstruierten, rinnt nicht wirkliches Blut, sondern der verdünnte Saft von Vernunft als reiner Denktätigkeit."

Eine Philosophie, die nur von der rationalen Erkenntnis allein ausgeht, übersieht den ganzen Menschen in der Fülle seiner Bezüge, den denkenden, wollenden, fühlenden und handelnden Menschen. Fühlen, Wollen und Handeln werden nicht nur aus der ratio gespeist. "Der Grundsatz meiner Philosophie besteht darin, schreibt Dilthey, daß bisher noch niemals der ganze Mensch und das ganze Leben, mithin noch niemals die ganze und volle Erfahrung zum Ausgangspunkt des Philosophierens gemacht worden sind." (Gesammelte Schriften)

Wissenschaftlich stellt sich für Dilthey das Problem, diese Fülle des Lebens zu erfassen. Er vertrat der Meinung, mit Begriffen und Definitionen, wie es die herkömmliche Philosophie versucht hatte, sei dieses Problem nicht zu lösen. Es bleibe immer wieder ein unauslösbarer Gegensatz zwischen Begriff und der mit dem Begriff gemeinten Wirklichkeit.

Das Leben ist damit nicht auf einen Begriff zu bringen, wie es noch Hegel nannte; es kann nur in der Fülle seiner Formen und Ausprägungen verstanden werden. Dieses Verstehen, das aus dem vorwissenschaftlichen Bereich jedem bekannt ist, wir verstehen eine Zeitungsmeldung, das Handeln eines Menschen usw.

Quelle: Stigler, Hubert (1996). Methodologie. Vorlesungskriptum. Universität Graz.
WWW: http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/edu/studium/materialien/meth.doc (98-01-03)

 



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