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Paradies, Sündenfall und Vertreibung als entwicklungspsychologisches Geschehen

Die Erzählung vom Paradies und der Vertreibung daraus stellt in der Bibelinterpretation (hier zusammengefasst nach Willlmes, 2008) nach Ansicht mancher Experten ein Urgeschehen dar, das sich in der geistigen Entwicklung des einzelnen Menschen wiederholt.

Im Garten Eden lebt Adam im Zustand der Unmündigkeit, denn da Gott für ihn vorgesorgt hat, muss sich Adam keine Sorgen und Gedanken machen, nicht an die Zukunft denken, sondern kann sich ganz auf Gott verlassen. Außerdem lebt er in Frieden mit allen anderen Lebewesen, doch erst die Entwicklung des Verstandes führt zu seinem Streben, immer mehr wissen zu wollen, was Gott den Menschen anscheinend vorenthalten will. Daher übertritt der Mensch in Form von Adam die ihm von Gott gesetzten Grenzen, gewinnt auch wirklich neue Erkenntnisse, die jedoch ambivalent sind, d.h., sowohl zum Guten wie zum Schlechten/Bösen eingesetzt werden können (z.B. Erfindung des Schießpulvers, Erforschung der Atomkraft, manche medizinischen und biologischen Erkenntnisse). Zur Sünde wird sein Verhalten und Handeln dann, wenn es gegen die Weisungen Gottes verstößt, aber nicht, wenn es zum Wohle anderer eingesetzt wird (siehe moralische Entwicklung). Die Neugier, die zu neuen Erkenntnissen führt, wird dabei als eine menschliche Eigenschaft gewertet, die auch zur Erfüllung des Herrschaftsauftrages an den Menschen in Genesis 1,28 eingesetzt werden kann.

Die Vertreibung aus dem Paradies entspricht gleichsam dem Erwachsenwerden des Menschen mit allen seinen Vorteilen (z.B. größere Freiheit; gewonnene Mündigkeit; Selbstbestimmung), aber auch allen seinen Nachteilen (Verlust der Nähe zu Gott; Spannungen im Miteinander mit anderen Menschen und gegenüber Tieren; Selbstverantwortung mit der Notwendigkeit, selbst Entscheidungen treffen zu müssen, auch in unklaren Situationen).

Manche sehen in der Paradieserzählung daher die geistige Phylogenese der Menschen nach der Analogie der Ontogenese gezeichnet, d. h., der Weg aus dem Paradies geht einher mit dem Gewinn der Fähigkeit zu eigenverantworteter Lebens- und Wirklichkeitsgestaltung. Es ist sozusagen der selbstverschuldete Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit im Sinne Kants. Andere Interpretationen betrachten den Menschen im Paradies eher als Menschen im status nascendi, da ihm noch die Erkenntnis von gut und böse fehlt und er im Hinblick auf die Gestaltung seines Lebens noch ganz von seinem Schöpfer abhängig ist. Allerdings stellt sich dann die Frage, wie der Mensch beim Sündenfall vorher wissen konnte, dass er sich dabei schuldig macht.

Oft wird der Sündenfall auf den Bereich der sexuellen Entwicklung begrenzt, jedoch gehört zur sexuellen Entwicklung sicherlich auch eine intellektuelle Entwicklung von der Naivität zur Reife, denn jeder Mensch wiederholt in seinem eigenem Leben den Weg vom Paradies der Kindheit in die Welt, d. h., als Kind lebt er im Garten der Unschuld und erst, wenn er seine Sexualität entdeckt und wächst, muss er diesen Garten Eden für immer verlassen.

 

Literatur

Willmes, B. (2008). Sündenfall.
WWW: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/31958/ (15-01-09)

 



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