[werner.stangl]s arbeitsblätter 

kohlbergDie Stufen der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg

 

Präkonventionielles Stadium

In diesem Stadium ist das Kind für klare Etikettierungen wie "gut und böse", "richtig oder falsch" empfänglich. Es legt diese entweder im Sinne der materiellen oder hedonistischen Konsequenzen der Tat (Bestrafung, Belohnung, Austausch von Vergünstigungen) aus oder im Sinne der physischen Macht derjenigen, die die Regeln und Etikettierungen aufstellen.

Die meisten Kinder unter neun Jahren, aber auch in Ausnahmefällen einige Jugendliche und Erwachsene befinden sich auf dieser Ebene. Der erste große Schritt, die Überwindung des Egozentrismus, ist vollzogen und das Kind begreift, dass es auch andere Sichtweisen neben der eigenen geben kann. Doch orientiert es sich noch ausschließlich an dem, was Autoritätspersonen für gut oder böse, richtig oder falsch erachten, und an denen von ihnen dazu aufgestellten Regeln, Ge- und Verboten. Richtige Handlungen sind solche die belohnt, falsch sind die, die bestraft werden.

Katharina Hamann (Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig) entdeckte aber in Experimenten mit Spielzeugen, dass Kinder schon im Alter von drei Jahren ein Gespür für Gerechtigkeit haben, denn sie geben anderen Kindern eher etwas von ihren Spielsachen ab, wenn diese ihnen zuvor beim Ergattern der Spielsachen geholfen haben. Primaten wie Schimpansen machten in Experimenten diesen Unterschied nicht, sondern sie ihre gemeinsam erjagte Beute anschließend nicht friedlich untereinander auf, sondern geben nur dann etwas ab, wenn aggressive Artgenossen sie dazu bedrängen. Menschenkinder teilen schon sehr früh mit Altersgenossen und je älter sie werden, desto gerechter gehen sie dabei vor.

In Untersuchungen konnte aber gezeigt werden, dass zwar schon Dreijährige die Regeln für das faire Teilen kennen, dennoch wenden sie diese Regeln im konkreten Fall allerdings oft nicht an, sondern teilen eher zu ihrem eigenen Vorteil. Diese jüngeren Kinder wünschen sich übrigens auch, dass andere diesen Teilungsregeln folgen, aber erst mit sieben Jahren erhalten diese Regeln für sie so viel Bedeutung, dass sie dafür einen eigenen direkten Vorteil aufgeben.

Die aus ontogenetischer Sicht erste kindliche Vorstellung der Bedeutung von Verteilungsgerechtigkeit bildet sich möglicherweise in kollaborativen Situationen heraus, wenn eine gerechte Aufteilung des Gewinns durch die gemeinsame Anstrengung nahe gelegt wird Bei Menschen hat sich im Verlauf der Evolution das gerechte Teilen vermutlich dann als Überlebensstrategie entwickelt, denn eine gemeinsame Nahrungssuche erfordert Artgenossen, die eine gemeinsam erzielte Beute teilten, denn wenn sie das nicht täten, würden sie in der Folge wohl keine Partner mehr für die Jagd finden.

Manchmal auch: vormoralisches Niveau

Die materiellen Konsequenzen einer Handlung entscheiden darüber, ob eine Tat als gut oder schlecht angesehen wird, unabhängig von der menschlichen Bedeutung oder dem Wert dieser Konsequenzen. Das Kind orientiert sich ausschließlich an der Strafvermeidung und der Unterwerfung unter die Macht und nicht an der Achtung vor der zugrundeliegenden moralischen Ordnung, die durch die Bestrafung und Autorität aufrechterhalten wird.

Die soziale Perspektive des Verhaltens ist immer individuell (Egozentrismus) und Handlungen werden rein nach dem äußeren Erscheinungsbild beurteilt und nicht nach irgendwelchen "dahinterliegenden" Intentionen.

Kinder begreifen noch nicht, daß Moral etwas mit Gegenseitigkeit, mit einer Wechselbeziehung, zu tun hat.

Heteronome Moralität

Straf- und Gehorsamorientierung

Richtiges Handeln ist das, wodurch die eigenen Bedürfnisse und -gelegentlich - die Bedürfnisse anderer befriedigt werden. Die menschlichen Beziehungen werden wie die Beziehungen auf einem Marktplatz gesehen. Gerecht ist, was ein gleichwertiger Austausch, ein Handel oder ein Übereinkommen ist. Elemente von Fairneß, von Reziprozität (Wechselseitigkeit) und gerechtem Teilen sind vorhanden, sie werden aber eher pragmatisch interpretiert. Gegenseitigkeit ist eine Angelegenheit von "eine Hand wäscht die andere", nicht von Loyalität, Dankbarkeit und Gerechtigkeit, d.h., unabhängig von konkreten Personen existierenden Normen. Die soziale Perspektive ist deutlich individualistisch, wobei bereits die Einsicht besteht, daß es Interessenskonflikte gibt und Gerechtigkeit ein relativer Begriff ist.

Auf dieser Stufe wird der Erwachsene nicht mehr als einzige Quelle der Moral angesehen. Dass Moral auch etwas mit wechselseitigen Beziehungen zu tun hat, haben die Kinder bzw. Jugendlichen jetzt begriffen. Obwohl die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse im Vordergrund steht, wird auch anderen das Recht zugestanden, Interessen kund zu tun. Allerdings nur solange, wie der eigenen Person dabei keine Nachteile entstehen. Richtiges Handeln bedeutet nun: Befriedigung der eigenen Wünsche, zum Teil auch derjenigen der anderen.

Individualismus, Zielbewußtsein und Austausch

Zweck- und Austauschorientierung

 

In diesem Stadium wird die Unterstützung der Erwartungen der Familie, Gruppe oder Gesellschaft des einzenen als wertvoll an sich verstanden, unabhängig von den unmitterbaren oder offensichtlichen Konsequenzen. Die Haltung des einzelnen ist nicht nur konform mit den persönlichen Erwartungen und der sozialen Ordnung, sondern sie ist auch von Loyalität dieser Ordnung gegenüber gekennzeichnet, was sich in einer aktiven Unterstützung, Verteidigung und Rechtfertigung der Ordnung und in der Identifizierung mit den sie tragenden Personen oder Gruppen äußert. Dabei geht es nicht um nur bloße Anpassung, sondern um Verantwortung für die soziale Ordnung. Auf diesem Niveau erlebt sich das Individuum als zugehöriges Mitglied einer Gemeinschaft.

Mit dem Erreichen dieser Ebene, vermag das Individuum sich in andere hineinzuversetzen und deren Interessen und Erwartungen wahrzunehmen. Das Streben nach Konformität nicht nur mit den persönlichen Erwartungen, sondern vor allem mit denen der Familie, Gruppe oder Gesellschaft wird zum zentralen Faktor. Soziale Anerkennung und Wertschätzung treten in den Vordergrund.

Konventionelles Stadium

Manchmal auch: regelkonformes Niveau

Gutes Verhalten ist ein Verhalten, das anderen gefällt, ihnen hilft und von ihnen gelobt wird. Man beobachtet Konformität mit stereotypen Vorstellungen davon, was "natürliches" oder Mehrheitsverhalten ist. Das Verhalten wird schon häufig nach der dahinterstehenden Absicht beurteilt. "Er meint es gut" wird zum erstenmal wichtig. Man bemüht sich um Lob, indem man "lieb" ist ("braves Kind"). Man möchte in den eigenen Augen und in denen anderer als "guter Mensch" dastehen und dadurch die Zuneigung anderer gewinnen. Die soziale Perspektive des Handelns orientiert sich an dem Gefühl der Gemeinschaft, der Übereinkünfte und Erwartungen, die Vorrang vor individuellen Interessen bekommen. Das Kind kann sich bereits in einen anderen hineinversetzen.

Die Meinung anderer wird zum Maßstab des moralisch Richtigen. Es geht hier nicht mehr nur darum, die eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen und nach nur der eigenen Gunst zugute zu handeln, sondern das Wohlergehen der Mitmenschen gewinnt an zunehmender Bedeutung. Ein Verhalten, das anderen gefällt und ihnen hilft, gilt als erstrebenswert. Personen dieser Stufe legen größten Wert auf harmonische zwischenmenschliche Beziehungen, aus denen sich Zufriedenheit und Anerkennung gewinnen lassen. Sie haben hier bereits gelernt, sich in andere hineinzuversetzen und fremden Ansprüchen gerecht zu werden. Nach Kohlbergs Untersuchungen zugrunde, befinden sich einige erwachsene Männer und die meisten Frauen auf dieser Stufe.

Wechselseitige Erwartungen, Beziehungen und interpersonale Konformität

"Good-boy"- und "Nice-girl"-Orientierung

Das Kind orientiert sich an der Autorität, an festen Regeln und an der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung. Richtiges Verhalten besteht darin, seine Pflicht zu tun und die gegebene soziale Ordnung um ihrer selbst willen zu erhalten. Das Recht steht im Dienste der Gesellschaft, einer Gruppe oder Institution, wobei eingesehen wird, daß Regeln dazu da sind, das Funktionieren der Gemeinschaft zu gewährleisten. Auf dieser Stufe macht man einen Unterschied zwischen dem gesellschaftlichen Standpunkt und der interpersonalen Übereinkunft bzw. den auf einzelne Individuen gerichteten Motiven. Der Mensch kann auf dieser Stufe den Standpunkt des sozialen Systems einnehmen, das Rollen und Regeln festlegt.

Als entscheidendes Merkmal tritt hier die gesellschaftliche Perspektive in den Vordergrund. Das Denken löst sich erstmals aus der Eingebundenheit in zwischenmenschliche Beziehungen, es entsteht ein Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der Sozialität, in diesem Fall dem Gesetz, insgesamt. Es kann zwischen dem gesellschaftlichem Standpunkt und dem eigenen unterschieden werden.

Soziales System und Gewissen

"Law and Order"- Orientierung

 

In diesem Stadium besteht ein deutliches Bemühen, moralische Werte und Prinzipien zu finden, die ihre Gültigkeit und Bedeutung unabhängig von der Autorität von Gruppen oder Menschen haben, die diese Prinzipien vertreten, aber auch unabhängig von der Identifizierung des einzelnen mit diesen Gruppen.

Menschen die dieses Niveau erreichen (in der Regel Erwachsene, im Ausnahmefall Jugendliche) eignen sich moralische Normen, Werte und Prinzipien an, die über ihre eigenen Gruppen und der Gesellschaft hinaus gültig sind, und handeln in autonomer Verantwortung danach. Das Individuum kann hier zum ersten Mal eine Perspektive annehmen, die ihm erlaubt, sich von Bedingungen gegebener sozialer Ordnungen freimachen zu können und ist nun in der Lage bestehende Regeln zu hinterfragen. Es unterscheidet zwischen Heteronomie und Autonomie, Partikularem und Universalem und leidet an Schuldgefühlen, wenn es seine universalen Prinzipien verletzt hat.

Postkonventionelles, autonomes oder von Prinzipien geleitetes Stadium

Richtiges Handeln wird in erster Linie im Sinne allgemeiner, individueller Rechte und der von der gesamten Gesellschaft kritisch geprüften und gebilligten Normen definiert. Der Mensch ist sich des Relativismus der persönlichen Werte und Meinungen klar bewußt, sowie der damit verbundenen Notwendigkeit, Verfahrensregeln einzuhalten, die zu einem Konsens führen. Abgesehen von dem, worauf man sich verfassungsmäßig und demokratisch geeinigt hat, ist das Recht eine Angelegenheit der persönlichen "Werte" und "Meinungen". Die soziale Perspektive ist auf dieser Stufe der Gesellschaft vorgeordnet, wobei Konflikte zwischen einzelnen legalen Handlungen erkannt und integriert werden können.

Der Einzelne erkennt zwar die Relativität von Normen und Werten einzelner Menschen, Gruppen oder Gesellschaften, aber er strebt auf der Grundlage eines Sozialvertrages danach, sich mit den jeweiligen Menschen, Gruppen oder Gesellschaften zu arrangieren. Personen dieser Stufe sind sich zwar ihrer Verpflichtung gegenüber dem Gesetz zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung und zum Wohle aller Menschen bewußt, wissen aber auch, daß "gewisse absolute Werte wie Leben oder Freiheit" (Colby & Kohlberg 1986, S. 146) der mehrheitlichen Meinung voranzustellen sind. Sie sind somit zur Revidierung von Gesetzen bereit, wenn höhere Prinzipien es erforderlich machen. Diese der Gesellschaft vorgeordnete Perspektive geht davon aus, daß jedes soziale System zu dem Zweck besteht, seinen Mitgliedern Nutzen zu bringen, und nicht - umgekehrt - die Zweckbestimmung der Menschen im Dienste an der Gesellschaft läge.

Das Stadium des sozialen Kontraktes bzw. der gesellschaftlichen Nützlichkeit

Individuen der höchsten Stufe folgen universalen selbsterwählten ethischen Prinzipien, wovon sich alle gesellschaftlichen Ordnungen ableiten lassen. Das ,,Wesen der Moral" an sich, universale Prinzipien der Gerechtigkeit, Kants Kategorischer Imperativ, wird als oberstes Ziel erkannt. Das Recht ist durch die Gewissensentscheidung im Einklang mit den selbstgewählten, ethischen Prinzipien definiert, die sich auf die logische Vollständigkeit, Allgemeingültigkeit und Konstanz berufen. Diese Prinzipien sind abstrakt und ethisch ("goldene Regel", "kategorischer Imperativ"); es sind keine konkreten moralischen Regeln wie die zehn Gebote. Im Grunde sind es allgemeingültige Prinzipien der Gerechtigkeit, der Reziprozität, der Gleichheit der Menschenrechte und der Achtung vor der Würde des Menschen als Einzelwesen. Auf dieser Stufe hat das Individuum die Perspektive eines moralischen Standpunktes, daß jeder Mensch seinen (End)Zweck in sich selbst trägt und dementsprechend behandelt werden soll.

Personen die dieser Stufe zuzuordnen sind, handeln und urteilen autonom, in moralischer Freiheit und nach ihrem Gewissen. Jedoch erreichen nur wenige Menschen diese Stufe. Kohlberg selbst wies ihr Führergestalten wie zum Bespiel Martin Luther King oder Gandhi zu.

Vermehrt tauchte nun die Frage auf, ob sich überhaupt zwei postkonventionelle Stufen unterscheiden lassen. Nach jahrelanger Forschung kam Kohlberg letztlich zu dem Entschluss, die sechste Stufe nicht mehr als gesondert zu betrachten. Er behielt sie allerdings als hypothetische Stufe bei, aus konzeptuellen Gründen, wie er selbst angab, um seiner Stufentheorie ein notwendiges anzustrebendes Endziel zu geben.

Das Stadium der universalen ethischen Prinzipien


[http://www.pa-linz.ac.at/skripten/EckerF/Schwerpunkt/morurteil.gif]  

Grafik von F. Ecker

 

Literatur
Kohlberg, Lawrence (1976). Moral stages and moralization: the cognitive development approach. In: Kohlberg, L. (Hrsg.): Moral development and behavior. New York: Holt, Rinehart & Winston.
Colby, Ann & Kohlberg, Lawrence (1978). Das moralische Urteil: Der kognitionszentrierte entwicklungspsychologische Ansatz. In: Steiner, G. (Hrsg.): Die Psychologie des 20. Jahrhunderts. Band VII: Piaget und die Folgen. Zürich: Kindler.

http://www.mpg.de/4375146/kinder_teilen (11-07-21)



inhalt :::: kontakt :::: news :::: impressum :::: autor :::: copyright :::: zitieren
navigation:
linz 2016