[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Schreibe kurz – und sie werden es lesen.
Schreibe klar – und sie werden es verstehen.
Schreibe bildhaft – und sie werden es im Gedächtnis behalten.
Joseph Pulitzer

Das Erlernen des wissenschaftlichen Schreibens *

Es wird immer wieder beklagt, dass das wissenschaftlichen Schreiben als eine für das akademische und universitäre Feld höchst relevanten Schlüsselkompetenz, die nicht nur für den beruflichen Bereich von Studierenden   und   WissenschafterInnen   Bedeutung   hat,   sondern   auch   als   allgemeine Vorbereitung für schreibintensive akademische Berufe wichtig ist, bei Studierenden so mangelhaft ausgeprägt ist. Während an Universitätenin anderen Ländern die StudentInnen professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen können, wenden Studierende im deutschsprachigen Raum in den meisten Fällen ein learning by doing-Verfahren an, durch das sie schrittweise, induktiv und indirekt die Standards einzelner Lehrender als deren oft persönliche Vorlieben erschließen und ihnen so gut sie können folgen (Gruber et al., 2006). Damit werden disziplinspezifische Normen allerdings nicht als mehr oder weniger konventionalisierte und funktionale Mittel fachspezifischer Kommunikationszwecke konzeptualisiert und erlernt, sondern als Idiosynkrasien einzelner FachvertreterInnen, denen zu folgen die Chance auf eine gute Note erhöht. Der mit der Einhaltung bzw. Imitation dieser Standards verbundene Zweck, das Ziel des Schreibens, wird in dieser Praxis auf das Erlangen einer (möglichst guten) Note reduziert – die Zugehörigkeit zu einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, die sich diesen Kriterien verpflichtet fühlt, wird dabei nicht thematisiert und spielt damit auch keine Rolle (Rheindorf, Huemer & Gruber (2008). Eine andere Möglichkeit, die wohl eher jene Studierende wählen, die den ersten Weg als wenig oder gar nicht erfolgreich erfahren haben, besteht im Rückgriff auf die große Zahl von Schreibführern und Schreibratgebern, die für fast alle Disziplinen inzwischen verfügbar sind. Es zeigt sich, dass die in den Ratgebern vermittelten Tipps und Ratschläge teilweise widersprüchlich sind, sich häufig in der Vermittlung formaler Richtlinien zur Manuskripterstellung erschöpfen und zum Teil geradezu bizarre Anleitungen zu zweifelhaftem wissenschaftlichen Handeln geben. Außerdem werden die Normen wissenschaftlichen Schreibens und Arbeitens in den von ihr untersuchten Ratgebern kaum begründet und wenn, dann als Erwartungen der Lehrenden und nicht als fachspezifische Normen.  Der Großteil der Schreibratgeber beschäftigt sich allerdings nur mit dem Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens im Allgemeinen und behandelt kaum sprachliche Aspekte des Schreibens. Manche sind rein psychologisch oder formal orientierte Schreibratgeber sind,   ohne   auf   den   speziellen   Prozess   wissenschaftlichen   Schreibens einzugehen, andere sind wieder sehr speziell auf eine Fachrichtung oder auf ein Thema wie Präsentieren oder Recherchieren und Lesen bezogen.

Inzwischen nimmt auch das Angebot an Schreibkursen und Online Guides zum Schreiben im Internet sowie in Buchform publizierte Schreibratgeber deutlich zu, die sich in vier verschiedene Gruppen unterteilen lassen:

  • Schreibzentren mit umfangreichem Angebot
  • kostenpflichtige private Agenturen
  • universitäre Organisationen und
  • in den Lehrplan integrierte Angebote für Studierende.

In den letzten Jahren beginnt sich in den deutschsprachigen Längern, insbesondere in Deutschland, ein Markt für kostenpflichtiges Schreibtraining und –coaching zu etablieren, jedoch wenige rein universitäre   Organisationen, auch wenn sich vereinzelt professionelle Angebote zur Schreibuntererstützung für Studierende in einigen Lehrplänen unterschiedlicher Fakultäten finden lassen.

Auch das Internetangebot zum Thema Schreiben ist sehr groß, wobei    das  Angebot  von  komplexen  Online  Guides  im Hypertextformat oder Workshops zum download über lineare Texte, die als PDF, Word- Dokument oder als Powerpoint-Präsentation zur Verfügung gestellt werden, bis zu einfachen Linksammlungen und kurzen Tipps zum Schreiben reicht. Die Qualität dieses Angebots lässt jedoch sehr zu wünschen übrig, denn diese  sind  zum  Teil  unvollständig  und  schlecht  aufbereitet.


Siehe dazu auch Hinweise zum wissenschaftlichen Schreiben

Dieses Arbeitsblatt ist Teil der Sammlung von Texten zur Arbeit mit wissenschaftlicher Literatur

* Anmerkung: Dieser Text entstand unter Verwendung von Rheindorf et al. (2008). In dieser vergleichenden Untersuchung heißt es übrigens zu einer früheren Version dieser Arbeitsblättersammlung: "Eine  nach  und  nach  gewachsene  Site  zum  wissenschaftlichen  Schreiben  findet  sich  in Werner Stangls Arbeitsblätter[n] zum wissenschaftlichen Schreiben. Der Psychologe Werner Stangl hat hier im Laufe der Jahre allerlei hilfreiche Tipps zu verschiedenen Aspekten des wissenschaftlichen Arbeitens im Allgemeinen und Schreibens im Besonderen zusammengetragen, woraus sich gleichzeitig Vorteil und Nachteil dieses Projekts ergeben: trotz der Qualität und Fülle, bleibt es bei einem ungeordneten „Allerlei“, in dem man zwar  manches  zu  Schreibblockaden,  Stil  und  Argumentation  finden,  aber  nichts  gezielt suchen kann." Die Untersuchung von Rheindorf et al. (2008.) wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts durchgeführt, im Zuge dessen ein Schreibkurs für Studierende entwickelt werden sollte und didaktisch im Rahmen eines blended learning-Ansatzes umgesetzt werden sollte.

Literatur & Quellen

Gruber, H., Muntigl, P., Reisigl, M., Rheindorf, M., Wetschanow, K., & Christine, C. (2006). Genre, Habitus und wissenschaftliches Schreiben. Münster: LIT Verlag.

Rheindorf, Markus, Huemer, Birgit & Gruber, Helmut (2008). Schreiben - leicht gemacht? Eine Bestandsaufnahme sozial- und geisteswissenschaftlicher Schreibratgeber im deutschsprachigen Raum. Fachsprache /1-2, 56-75.




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