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Olfaktorische Kommunikation


Der Einfluss von körpereigenen Geruchsstoffen (Pheromonen) wurde lange Zeit als gering eingeschätzt, jedoch heute geht man von einem größeren Einfluss aus. Jeder Mensch hat seinen ganz spezifischen Geruch, auch wenn der moderne Mensch ohne großen Aufwand mit Hilfe von Parfums und anderer Substanzen fähig ist, seinen eigenen Körpergeruch zu unterdrücken. Verantwortlich hierfür sind vor allem die apokrinen Duftdrüsen, die sich unter anderem in der Achselhöhle, in der Genital- und Analgegend und dem Warzenvorhof der Brust befinden. Die Körperhaare in diesen Regionen haben durch gekräuselte Strukturen vergrößerte Oberflächen, wodurch eine gute Abgabe der Geruchssignale erreicht wird. Außerdem bieten die Haare auch Platz für Bakterienarten, die für den individuellen Geruch mitverantwortlich sind. Wichtige Funktionen besitzt der Körpergeruch im Zusammenhang mit Sexualität, aber auch Sympathie und Antipathie. Eine Hypothese besteht hinsichtlich der besonders großen Anfälligkeit der Frauen für den männlichen Geruchsstoff Androstenon in der Zeit kurz vor dem Eisprung. Gerüche spielen auch einer wichtige Rolle bei der Erinnerung, denn Menschen können sich auch nach Jahrzehnten noch an den Geruch des Kinderzimmers oder des Lieblingsstofftiers erinnern, wobei das Geruchsgedächtnis meist sehr stark mit positiven oder negativen Gefühlen verknüpft ist.

Gerüche werden ununterbrochen wahrgenommen und bestimmen auch die Stimmungen des Menschen. Personen, die wir nicht riechen können, kann man tatsächlich meist nicht leiden, auch dann nicht, wenn man sich dazu zwingt. Die Bedeutung des Olfaktorischen wird dann deutlich, wenn Menschen, die ihren Geruchssinn verlieren, depressiv werden, denn sie vermissen den eigenen Geruch. Man vermutet, dass Menschen mit dem Geruchssinn ihre Identität verlieren.

Auch beim Menschen helfen auch körpereigene Duftstoffe, den Gefühlszustand innerhalb einer Gruppe zu synchronisieren. In einer Untersuchung (de Groot et al., 2012) zeigte man mehreren Männern Ausschnitte aus Horrorfilmen sowie einer Fernsehserie, in der die Darsteller teils ekelerregende Mutproben auf sich nehmen, und sammelten ihren Achselschweiß mit kleinen Saugpolstern. Diese Polster erhielten Frauen präsentiert, während sie einen Bildschirm nach Objekten absuchten. Dabei rief der Geruch von Schweiß verängstigter Männer bei den Frauen eine verstärkte Aktivierung des über die Stirn verlaufenden Augenbrauenheber-Muskels hervor, im Fall angewiderter Männer wurde dagegen der Oberlippenheber aktiviert, entsprechend dem jeweils typischen Gesichtsausdruck bei Angst und Ekel. Angstschweiß bewirkte außerdem, dass die Nasenatmung der Frauen vorübergehend tiefer wurde und ihr Blick rascher von einem Objekt zum nächsten sprang, während Ekelschweiß die Informationsaufnahme durch Augen und Nase eher reduzierten. Die Frauen waren sich der Effekte nicht bewusst.

In einem weiteren Experiment von de Groot et al (2015) wurde der Glücksschweiß untersucht. Dabei mussten sich neun junge Männer zwei Tage vor der Untersuchung ihre Achselhaare abrasieren und sollten geruchsarm essen, also etwa keine Zwiebeln, keinen übermäßigen Sport treiben und sexuell enthaltsam sein. Es wurden Männer als Schweißgeber ausgewählt, die sie mehr schwitzen als Frauen. Am Untersuchungstag bekamen sie ein Pad unter beide Achseln geklebt und schauten sich je dreißig Minuten lang eine fröhliche, angstauslösende oder neutrale Filmstrecke an. Danach wurden die Pads abgenommen und in Glasfläschchen tiefgefroren. Nun wurden sechsunddreißig junge Frauen die Proben der aufgetauten Pads unter die Nase gehalten, wobei man mit Elektroden auf der Gesichtshaut die Muskelaktivitäten maß. Dabei konnten die Frauen Glück- und Angstschweiß jeweils von neutralem Schweiß unterscheiden, Glücks- und Angstschweiß aber nicht unterscheiden. Nur sieben der Frauen erkannten übrigens, dass es sich bei den Geruchsproben um Schweiß handelte. Auch waren bei den riechenden Frauen abhängig davon, welche Art von Schweiß sie rochen, unterschiedliche Muskelgruppen aktiv, denn beim Schweiß von fröhlichen Männern bewegten sich ihre Mund- und Augenwinkel, was einem Lächeln entsprach, während beim Schweiß von ängstlichen Männern die Falte über ihrer Nase aktiv, was einer Angstreaktion gleichkommt. Beim neutralen Schweiß zeigten sich keine eindeutigen Muskelaktivitäten.

Interkulturell zeigen sich Unterschiede bei der olfaktorischen Kommunikation, denn es gibt in allen Kulturen unterschiedliche Geruchstabus. Im westlichen Kulturbereich zählen dazu u. a. schlechter Atem, Schweißfüße oder Achselschweiß. Wird die Schweißabsonderung auch noch mit den Augen wahrgenommen, deutet sie vermutlich auf Nervosität, innere Unruhe, Angst oder Stress hin. In westlichen Kulturen ist ein schlechter Atemgeruch tabuisiert, zumal er nur in äußerster körperlicher Nähe wahrgenommen werden kann, während Araber gerne eng beieinander stehen, um den Atem ihres Gesprächspartners auch zu riechen.

Nach Ansicht von Experten ist die olfaktorische Kommunikation längst zu einer Selbstverständlichkeit des Alltagslebens geworden ist, denn es werden von der kosmetischen Industrie Produkte wie Deodorants und Parfüms produziert, die bestimmte kommunikative Wirkungen besitzen sollen, sogar geschlechtsspezifische Duftnoten werden entwickelt. Es gibt blinde Menschen, die andere Menschen am Geruch erkennen können.

Beauchamps (1985) glaubt, dass der Körpergeruch ein Indikator für bestimmte Eigenschaften des Immunsystems ist, wonach sich vorwiegend solche Partner als attraktiv und interessant finden, deren Immunsystem zusammen passt. Man bevorzugt jedoch Geschlechtspartner, deren Pheromone genetische Unterschiede signalisieren. Claus Wedekind (Universität Bern) entdeckte, je verschiedener der eigene Körpergeruch von dem eines Mitmenschen anderen Geschlechts ist, desto attraktiver wirkt dieser auf uns. Ehepartner, die über lange Jahre glücklich zusammenlebten, unterscheiden sich weit mehr in ihrem jeweiligen Körpergeruch als die Partner früh gescheiterter Ehen (Gehirn & Geist 5/2004).

Forscher konnten übrigens in Tierversuchen zeigen, dass es im Gehirn Netzwerke von Neuronen gibt, die eintreffende Geruchsinformationen bündeln und erst dann an andere Gehirnregionen weiterleiten, wobei durch diese Bündelung die Informationen für die jeweils zuständigen Hirnareale leichter verständlich werden - es findet also eine Vorverarbeitung bzw. vielleicht sogar Vorinterpretation statt.

Michael Russell (1976) ließ Probanden Unterhemden 24 Stunden lang tragen; sie durften während dessen nicht duschen und kein Deodorant oder Parfum benutzten. Die Unterhemden wurden dann jeweils in eine Tüte eingeschweißt und dem Versuchsleiter zurückgegeben. Dann sollten die Probanden an den Unterhemden riechen. Eines war das die Versuchsperson selbst, eines von einem Mann und eines von einer Frau. Etwa 75% der Personen erkannten alle drei richtig! Martha McClintock (1971) stellte als erste fest, dass bei häufigerem Treffen von Frauen, sich deren Menstruationszyklen angleichen. In einer Untersuchung von Russel, Switz & Thompson (1980) wurde der Einfluss des Schweißgeruches auf die Angleichung des Menstruationszyklus bestätigt, wobei dabei der Geruchskontakt genügte, denn der optische wurde ausgeschaltet.

Hendrik Schifferstein et al. (2011) von der Technischen Universität Delft haben in einer Studie in drei Tanzclubs in drei typischen Studentenstädten an mehreren Abenden Orangen-, Pfefferminz- oder Meerwasserduft versprüht und die BesucherInnen während des Abends beobachtet und anschließend befragt. Es zeigte sich, dass unter der Einwirkung von Düften die Gäste bessere Stimmung hatten und es wurde auch mehr getanzt, wobei auch das Tanzlokal besser beurteilt wurde. Auf den Bildern und Videoaufnahmen zeigte sich auch, dass an den Duftabenden mehr Leute tanzten, wobei es aber gleichgültig war, welcher Duft eingesetzt worden war. Auch die Temperatur stieg etwas im Vergleich, vor allem beim Orangenaroma. Die Zahl der BesucherInnen und deren Konsum haben sich jedoch nicht signifikant verändert im Vergleich zu den Abenden ohne olfaktorische Stimulation. Die Bewertungen des Abends waren aber in den Duftnächten positiver, auch bei der Beurteilung der Musik. Aromen werden übrigens schon seit einiger Zeit in Einkaufszentren eingesetzt, um die KundInnen zum Bleiben und damit Kaufen zu animieren.

ziegenböcke geruchDer charakteristische Geruch von Ziegenböcken - der auf Menschen eher abstoßend wirkt - wirkt auf Ziegenweibchen nicht nur anziehend, sondern macht sie auch paarungsbereit, denn hinter dem für Menschen strengen Duft verbergen sich Stoffe, die das Hormonsystem der Weibchen in Gang bringen und direkt auf ihr Gehirn wirken. Die Quelle des aphrodisierenden Geruchs eines Ziegenbocks sind seine Haare, besonders jene auf seinem Kopf, wobei es sich um die Chemikalie 4-Ethyloctanal handelt, die direkt auf das Gehirn der Weibchen wirkt. An der Luft oxidiert 4-Ethyloctanal zu einer Säure, die auch der Mensch intensiv wahrnimmt (Murata et al. 2014).

Literatur und Quellen

de Groot, Jasper H. B., Smeets, Monique A. M., Kaldewaij, Annemarie, Duijndam, Maarten J. A. & Semin, Gün R. (2012). Chemosignals Communicate Human Emotions. Psychological Science, DOI 10.1177/0956797612445317.

de Groot, Jasper H. B., Smeets, Monique A. M., Rowson, Monique A. M., Bulsing, Patricia J., Blonk, Cor G., Wilkinson, Joy E. & Semin, Gün R. (2015). A Sniff of Happiness- Psychological Science, 26, 684-700.

Schifferstein, H.N.J., Talke, K.S.S., Oudshoorn, D.J. (2011). Can ambient scent enhance the nightlife experience? Chemosensory Perception.

Murata, Ken, Tamogami, Shigeyuki, Itou, Masamichi, Ohkubo, Yasutaka, Wakabayashi, Yoshihiro. Watanabe, Hidenori, Okamura, Hiroaki, Takeuchi, Yukari & Mori, Yuji (2014). Identification of an Olfactory Signal Molecule that Activates the Central Regulator of Reproduction in Goats . Current biology. Doi:10.1016/j.cub.2014.01.073

 

Überblick: Was ist nonverbale Kommunikation?



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