[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Essstörungen bei Jugendlichen

Literatur:

Berger, U. (2006). Primärprävention bei Essstörungen. Psychotherapeut, 51 (3), S. 187-196.
Buddeberg-Fischer, B. (1997). Weibliche Identitätsfindung zwischen Provokation und Weigerung. Entwicklungspsychologische und soziokulturelle Aspekte von Essstörungen, Monatsschrift Kinderheilkunde, 145, S. 633-638.
Gruber, U. (2006). Risikogruppen für Essstörungen. Online im Internet: WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/
ESSSTOERUNGEN/Risikogruppen.shtml (2010-04-26)
Habermas, T. (2002). Substanzenmissbrauch und Ess-Störungen. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 847-858). Weinheim: Beltz.
Herpertz-Dahlmann, B. & Lamerz, A. (2004). Essstörungen bei Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Monatsschrift Kinderheilkunde, 152 (12), S. 1295-1301.
Michaelsen-Gärtner, B. & Paulus P. (2008). Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. In H. Scheithauer, T. Hayer, & K. Niebank, (Hrsg.), Problemverhalten und Gewalt im Jugendalter (S. 241-257). Stuttgart: Kohlhammer.
Schär, M. & Weber, S. (2015). Das gesunde Körperbild von Jugendlichen in der Deutschschweiz. Ergebnisse einer Befragung. Gesundheitsförderung Schweiz Arbeitspapier 35, Bern und Lausanne.
Scheer, P., Tappauf, M., Burmucic, K. & Dunitz-Scheer, M. (2007). Essstörungen des Kindes- und Jugendalters. Monatsschrift Kinderheilkunde, 9, S. 804- 810.
Stangl, W. (2004). Arten von Essstörungen. Online im internet: WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/
ESSSTOERUNGEN/ (2010-04-26)
Tuschen-Caffier, B. & Bender, C. (2008). Essstörungen. In H. Scheithauer, T. Hayer & K. Niebank (Hrsg.), Problemverhalten und Gewalt im Jugendalter (S. 194-208). Stuttgart: Kohlhammer.

Ein Vergleich internationaler Studien der letzten Jahre hat ergeben, dass die Krankheitshäufigkeit psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen bei 18 % liegt. Weiters wurde erkannt, dass bis zum 13. Lebensjahr psychische Auffälligkeiten häufiger bei Jungen auftreten. Bei Mädchen sind diese vermehrt in der Adoleszenz anzutreffen. Jungen richten ihre Aggressionen vermehrt nach außen, wohingegen Mädchen diese eher gegen sich selbst richten. Als Folge davon neigen Jungen eher zu hyperkinetischen, dissozialen oder monosymptomatischen Störungen sowie zu Störungen durch Substanzgebrauch. Mädchen leiden hingegen neben depressiven Verstimmungen auch häufiger an Essstörungen (vgl. Michaelsen-Gärtner & Paulus, 2008, S. 242). Im Jahr 2004 litten ca. 0,5 % eines Jahrgangs in Österreich an Essstörungen, darunter vorwiegend Mädchen (vgl. Michaelsen-Gärtner & Paulus, 2008, S. 245). Eine weitere Statistik, die die Altersgruppe von 15-25 Jahren untersucht hat, zeigt ein ähnliches Bild: 0,5 % der Altersgruppe leiden an Magersucht, 1 % an Bulimie. Von den Betroffenen sind über 90 % weiblich (vgl. Gruber, 2006).

Formen von Esstörungen

Es gibt verschiedene Arten von Essstörungen. Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa und Binge Eaging Disorder werden psychisch bedingt und gelten als eine Art von Abhängigkeit. Übergewicht und Adipositas gelten nicht als psychische Erkrankungen (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S.197). Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf erstere Form von Essstörungen, da eine gesamte Darstellung aller Formen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Anorexia Nervosa

Anorexia Nervosa, umgangssprachlich als Magersucht bezeichnet, tritt vor allem bei Mädchen und jungen Frauen auf (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 194). Es gibt zwei Ausprägungsformen für Anorexia Nervosa: voll ausgeprägt und nicht voll ausgeprägt. Letztere Form tritt etwas häufiger auf als erstere (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 194f).

Kennzeichen von und Verhalten bei Anorexia Nervosa

Am deutlichsten erkennt man Magersucht an einem sehr geringen Körpergewicht. Dieses wird mit einem Body Mass Index (BMI) von kleiner als 17,5 definiert (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 194). Dieses Untergewicht ist selbst herbeigeführt und nicht auf eine körperliche oder andere seelische Erkrankung zurückzuführen (vgl. Habermas, 2000, S. 848). Menschen mit Anorexia Nervosa haben einen extremen Schlankheitsdrang. Obwohl sie bereits untergewichtig sind, nehmen sich diese Menschen selbst als zu dick wahr. Diese Körperschemastörung zeigt sich durch striktes Diäthalten, exzessives Sporttreiben oder die Einnahme von Abführmitteln, Appetitzüglern oder Entwässerungstabletten. Das Essverhalten wird stark eingeschränkt, auf kalorienreiche Lebensmittel wird verzichtet und Zubereitung und Aufnahme von Nahrung gleichen einem Ritual. Auch Essanfälle können vorkommen, an die Erbrechen oder andere Maßnahmen zu Entleerung des Magens oder des Darms anschließen (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 194f).

Der BMI wird folgendermaßen errechnet: Körpergewicht in kg dividiert durch die Körpergröße in m².

(c) www.BMI-Rechner.net | BMI-Rechner.net

Generell kann man sagen, dass Essen zum Lebensmittelpunkt wird. Wenn man an Magersucht leidet, bedeutet die Kontrolle des Essverhaltens Selbstdisziplin und die Kontrolle des eigenen Lebens (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 195).

Wenn man sich Sorgen macht und vermutet, dass ein Kind oder Jugendlicher bereits Übergewicht hat, ist es sinnvoll, dies mit dem BMI-Index zu kontrollieren, denn im Gegensatz zu einer reinen Angabe in Kilogramm zeigt der BMI das Verhältnis des Gewichtes zur Körpergröße und bestimmt, ob das Gewicht eines Kindes innerhalb eines als gesund definierten Bereichs liegt. Dazu sollte man den folgenden BMI-Rechner nutzen, denn dessen Perzentilkurven verlaufen nicht zuletzt aufgrund des noch andauernden Wachstums anders als bei Erwachsenen. Dieser spezielle BMI-Index gibt mehr Aufschluss über Ideal-, Normal- oder Übergewicht als die reine Angabe der Waage:

 

 

Nebenerscheinungen und Folgen von Anorexia Nervosa

Im Zusammenhang mit Anorexia Nervosa können folgende Nebenwirkungen auftreten (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 195):

• Depressive Verstimmung
• Kreislaufbeschwerden
• Affektive Störungen
• Verdauungsprobleme
• Zwangssymptome
• Menstruationsstörungen bis hin zum Ausbleiben der Regelblutung und Unfruchtbarkeit
• Starke Ängste
• Kontaktstörungen bis hin zur sozialen Isolation
• Nierenfunktionsstörungen
• Reizbarkeit
• Osteoporose
• Kopfschmerzen
• Stoffwechselstörungen
• Konzentrationsstörungen
• Elektrolytstörungen
• Leistungsprobleme
• Kreislaufkollaps
• Schwerwiegende körperliche Erkrankungen
• Herzversagen

Bulimia Nervosa

Bulimia Nervosa – kurz: Bulimie – wird auch als Ess-Brech-Sucht bezeichnet, da die Erkrankten in Essanfällen innerhalb kurzer Zeit große Mengen konsumieren, um diese anschließend durch kompensatorische Maßnahmen, wie zum Beispiel Erbrechen, wieder auszuscheiden. Bulimia Nervosa tritt ebenfalls vor allem bei Mädchen und jungen Frauen auf aber im Vergleich zur Magersucht erst später – um das 22. Lebensjahr. Zirka die Hälfte der Erkrankten litt vorher an Anorexia Nervosa (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 196).

Kennzeichen von und Verhalten bei Bulimia Nervosa

Das Essverhalten von an Bulimia Nervosa Erkrankten zeigt sich ähnlich dem von Magersüchtigen – es ist sehr gezügelt. Die betroffenen Menschen sind meist normalgewichtig, ihre Figur bereitet ihnen jedoch große Sorgen, die Selbstwertung hängt von der Zufriedenheit mit dem eigenen Körper ab (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 196). Da sie körperlich also nicht auffallen und überall mitessen können, wird Ess-Brech-Sucht als sozial angepasster als Anorexia Nervosa beschrieben (vgl. Scheer, Tappauf, Burmucic & Dunitz-Scheer, 2007, S. 806).

Zwischen dem für die Betroffenen normalen Essverhalten kommt es zu Essanfällen, mit denen ein Kontrollverlust hinsichtlich Dauer, Menge und Art der Lebensmittel einher geht. Da diese Essanfälle spannungsreduzierend wirken, treten sie vor allem bei Stress, emotionaler Belastung, innerer Leere oder Langeweile auf. Die Erkrankten essen dabei heimlich, weil sie sich schämen und sich ekeln. Die Essanfälle lösen eine starke Angst vor Gewichtszunahme aus. Deshalb kommt es zu Erbrechen oder Einnahme von Mittel zur Magen-Darm-Entleerung oder zur Entwässerung. Auch mittelfristige Maßnahmen, wie Sport oder Schlankheitskuren, werden eingesetzt (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 196).

Nebenerscheinungen und Folgen von Bulimia Nervosa

Da die Ernährung zwischen den Essanfällen sehr eingeschränkt und mangelhaft ist, kommt es bei Bulimia Nervosa zu den gleichen Nebenerscheinungen und Folgen wie bei Anorexia Nervosa. Zusätzlich gehen mit der Ess-Brech-Sucht folgende Erkrankungen einher (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 196):

• Zersetzung des Zahnschmelzes aufgrund des Erbrechens
• Angststörung
• Borderline-Persönlichkeitsstörung
• Substanzabhängigkeit

Binge Eating Disorder

Menschen mit Binge Eating Disorder leiden so wie Menschen mit Ess-Brech-Sucht an Essanfällen. Im Unterschied zu Bulimia Nervosa werden aber bei Binge Eating Störungen nicht immer kompensatorische Maßnahmen nach solchen Essattacken eingeleitet. Daher wird dies als eigene Kategorie von Essstörung angesehen (vgl. Tuschen-Caffier & Bender, 2008, S. 199).
Diese Störung tritt bei zirka 2 % der Bevölkerung auf und kann bereits im Kindesalter zum Problem werden. Unter dieser Art von Essstörung leiden hauptsächlich Frauen, wobei aber auch Männer nicht unwesentlich betroffen sind (vgl. Stangl, 2004). Die Häufigkeit an der Binge Eating Störung zu leiden, nimmt beim weiblichen Geschlecht im Laufe der Pubertät zu. Zwischen 20 und 30 % der adipösen Jugendlichen leiden unter dieser Störung (vgl. Herpertz-Dahlmann & Lamerz, 2004, S. 1296).
Für die Forschung von Binge Eating Störungen bei Kindern und Jugendlichen wurden eigene provisorische Kriterien festgelegt. Wiederkehrende Episoden von Binge Eating ist eines dieser Kriterien. Hier wird vor allem darauf geachtet, ob Essen ohne Hungergefühl vorliegt und ob die Kontrolle über das Essen verloren geht. Essen dient hier entweder als Affektantwort oder als Belohnung, außerdem können die Nahrungsmittel auch versteckt werden oder heimlich gegessen werden. Weiters wird überprüft, ob die Symptome in einer Zeitspanne von 3 Monaten anhalten (vgl. Herpertz-Dahlmann & Lamerz, 2004, S. 1296).
Jugendliche, die an einer Binge Eating Störung leiden, haben meist ein niedriges Selbstwertgefühl und eine depressive Stimmung. Auch Selbstmordversuche können auftreten (vgl. Herpertz-Dahlmann & Lamerz, 2004, S. 1298).

Einflussfaktoren

Für Magersucht und Bulimie gibt es keine prospektiven Studien, die bereits in der Kindheit beginnen und distale Einflüsse untersuchen. Es liegen vorwiegend klinische Studien an bereits erkranken Jugendlichen und prospektive Studien im Jugendalter zu subklinischem Symptomverhalten vor (vgl. Habermas, 2002, S. 854).

Proximale nicht normative Einflüsse

Gruber (2006) definiert einzelne Persönlichkeitsmerkmale, die für Jugendliche risikofördernd sein können. Eine geringere Selbstlenkungsfähigkeit, fehlende Kooperativität, größere Ängste, Neigung zur Depressivität, geringere allgemeine Neugier oder eine größere Tendenz zur Schadensvermeidung in der Jugend können solche Risikofaktoren sein. Durch diese können sie keinen gesunden und stabilen Selbstwert aufbauen und sie neigen zum Perfektionismus (vgl. Gruber, 2006).
Auch traumatische Erlebnisse können eine auslösende Wirkung haben. Wenn die Kinder nicht über die ausreichenden Ressourcen und Eigenschaften zur Bewältigung dieser Anforderungen haben, kann das zu Problemlagen führen, die sich auf das psychische Wohlbefinden auswirken. Wird die Verarbeitungskapazität der Kinder nachhaltig überfordert, sind psychische Störungen, wie auch Essstörungen, die Folge (vgl. Michaelsen-Gärtner & Paulus, 2008, S. 246ff).
Die Familie spielt eine große Rolle, beispielsweise kann ein abnormes Essverhalten der Eltern auf das Kind einwirken (vgl. Michaelsen-Gärtner & Paulus, 2008, S. 246). Magersüchtige stammen vorwiegend aus überkohärenten konfliktmeidenden Familien, BulimikerInnen hingegen häufiger aus Familien mit offenen Konflikten. Der Typ der Familie kann zur Zwanghaftigkeit bzw. Impulsivität beitragen, jedoch kann eine Magersucht auch in Bulimie umschlagen, was dieser Annahme somit widerspricht (vgl. Habermas, 2002, S. 855).
Subklinische Ausprägungen sind Diäthalten, Gewichtssorgen, vereinzelte Heißhungeranfälle und Sich-Übergeben. Eine Vorhersage für die Veränderungen solcher „Ess-Störungsindikatoren“ (Habermas, 2002, S. 855) gestaltet sich aber als sehr schwierig (vgl. Habermas, 2002, S. 855).
Das Problem bei prospektiven Studien ist die Annahme, dass normatives Verhalten (zum Beispiel Diät) und klinische Essstörungen auf einem Kontinuum (im Sinne eines durchgehenden Spektrums von Auffälligkeiten) liegen. Gibt es einen linearen Zusammenhang zwischen diesen Auffälligkeiten und den Merkmalen einer Essstörung? Es gibt Hinweise die für dieses Kontinuum sprechen, aber auch Unterschiede (vgl Habermas, 2002, S. 855).
Eine weitere Frage ist, ob subklinische Ausprägungen denselben Einflüssen unterliegen wie die Entstehung von klinischen Essstörungen. Studien haben gezeigt, dass Diäthalten durch Körpergewicht und psychosoziale Belastungen vorhergesagt wird, Essstörungen aber nur durch die Kombination von Diäthalten und zusätzlichen psychischen Störungen. Somit ist die Annahme einer einfachen Kontinuität, eines Zusammenhangs, eines gleichmäßigen Fortgangs in Richtung einer Essstörung sehr fraglich (vgl. Habermas, 2002, S. 855).

Proximale normative Einflüsse

Magersucht ist alters- und geschlechtsspezifisch. Dies wird auf das Erleben der Pubertät von Mädchen mit geringem Selbstvertrauen zurückgeführt. Die sexuelle Reifung führt zu den beiden Entwicklungsaufgaben, sich von Eltern zu lösen und Verantwortung für den Körper zu übernehmen. Die Magersucht ist eine scheinbare Lösung. Mit dem Abmagern ergreifen die Mädchen Kontrolle, zumindest über ihr Gewicht. Einerseits behaupten sie sich über ihren Körper und andererseits auch gegen die Eltern. Dieser Bewältigungsversuch der Entwicklungsaufgaben führt aber zu Entwicklungsstillstand (verlangsamtest Wachstum, keine psychosexuelle Entwicklung, keine Ablösung von den Eltern) (vgl. Habermas, 2002, S. 856).
Bulimie tritt meistens erst nach ersten sexuellen Erfahrungen auf. Der Zweck ist eine Formung des Körpers zu einem Idealbild. Sie können sich mit ihrem Geschlecht identifizieren, fühlen sich aber insuffizient (vgl. Habermas, 2002, S. 856).

Pubertät

Die sexuelle Reifung hat Einfluss auf Essstörungen, somit können diese zeitlich mit der Pubertät zusammenhängen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Frühreife öfter Diät halten. Da Essstörungen bereits vor der Menarche auftreten können, ist das aber auf den eher stärkeren Körperbau zurückzuführen als auf den Beginn der Pubertät. Nichtsdestotrotz reagieren Mädchen auf die Pubertät mit subklinischen Störungen (vgl. Habermas, 2002, S. 856).

Geschlechtsrolle

Die Entwicklungsaufgaben in dieser Zeit sind „eine erwachsene Identität auszubilden und die reife Geschlechtsrolle zu übernehmen“ (Habermas, 2002, S. 856). Für Erwachsene geltende Normen sind normative Körperideale und Techniken der Selbstkontrolle (Diäthalten) (vgl. Habermas, 2002, S. 856). Junge Mädchen haben das Ideal eines schlanken Körpers und sollen auch so aussehen (vgl. Scheer, Tappauf, Burmucic & Dunitz-Scheer, 2007, S. 806). Das Finden von Identifikationsfiguren gestaltet sich aber immer schwieriger, da sich das Frauenideal schnell wandelt (von der traditionell-mütterlichen zur Multirollenfrau) (vgl. Buddeberg-Fischer, 1997, S. 633). Junge Frauen mit gestörtem Essverhalten unterscheiden sich im Geschlechterrollenverständnis nicht, aber sie orientieren sich noch stärker an den Erwartungen und Normen (vgl. Habermas, 2002, S. 856f).

Auch für Jungen gibt es Körperideale: sie sollen vor allem sportlich sein (vgl. Scheer, Tappauf, Burmucic & Dunitz-Scheer, 2007, S. 806). Jedoch schafft der Wandel vom Knaben zum athletischen jungen Mann weniger Konflikte (vgl. Buddeberg-Fischer, 1997, S. 633).

Nach einer aktuellen Schweizer Studie (Schär & Weber, 2015) zu gesundem Körpergewicht sind Jugendliche speziell in der Pubertät in Bezug auf das eigene Aussehen oftmals verunsichert und unzufrieden, da sich ihr Körper in dieser Zeit stark verändert. In früheren Untersuchungen war vor allem das Körpergewicht der Mädchen im Fokus der Untersuchungen, während knabenspezifische Aspekte des Körperbildes wie etwa ein muskulöser Körper vernachlässigt wurden. Dafür hat man bei Schülerinnen und Schüler zu erfassen versucht, was ein gesundes Körperbild ist und wodurch dieses beeinflusst wird. In Bezug auf die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper fand man, dass Knaben ein gesünderes Körperbild haben als Mädchen, denn bei den Mädchen steht vor allem das Gewicht im Zentrum, wobei 60 % der Mädchen schlanker sein möchten und gleich viele bereits eine Diät gemacht haben. Mit 77% möchte ein Grossteil der Knaben dagegen mehr Muskeln, aber nur 54% gaben an, wirklich auch etwas dafür zu tun. Vergleiche mit älteren Studien lassen vermuten, dass die Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrem Körper über die letzten Jahre abgenommen hat. Interessant ist, dass knapp über die Hälfte der Jugendlichen berichten, sich relativ gut von unrealistischen Körperidealen abgrenzen zu können, d. h., sie lassen sich nicht durch die Bilder in den Medien beeinflussen und geben auch an, dass ein veränderter Körper ihr Leben nicht grundsätzlich besser machen würde. Allerdings hat ein Fünftel der befragten Jugendlichen ein negatives Körperbild und kann sich schlecht von unrealistischen Körperbildern abgrenzen und setzt viel Hoffnung und Erwartung in einen schöneren Körper. Sie sind der Überzeugung, dass sie selbstbewusster und glücklicher wären, wenn sie ihren Körper verändern könnten.

Kognitive Entwicklung

Damit man das Gewicht langfristig durch selektive Nahrungsaufnahme kontrollieren kann, bedarf es einem Verständis wie Nahrung in Körpergewicht umgesetzt wird, das sich in der Präadoleszenz entwickelt (vgl. Habermas, 2002, S.857).

Prävention und Handlungsmöglichkeiten

Der Anteil an Mädchen, die an noch nicht klinisch auffälligem, jedoch problematischem Essverhalten leiden, liegt bei 24-28 %. Dieses Essverhalten ist vor allem gekennzeichnet durch gezügeltes Essen, Diät halten und Vorstellungen zur Traumfigur und kann die Entwicklung von Essstörungen begünstigen. Eine Primärprävention scheint hierfür notwendig (vgl. Berger, 2006, S. 187).
Da Anorexie schon sehr früh auftreten kann (14-16 Jahre), sollte Primärprävention spätestens ab einem Alter von 12 Jahren eingesetzt werden sein. Aufgrund des hohen Mädchenanteils scheint es auch angebracht, geschlechtsspezifische Angebote bereitzustellen. Primärprävention in Schulklassen gestaltet sich etwas schwierig, da Mädchen früher in die Pubertät eintreten. Andererseits kann es ein Vorteil sein, wenn die gleichaltrigen Jungen, die oft durch negative Bewertungen Mitverursacher von Ängsten und Unsicherheiten sind, direkt miteinbezogen werden (vgl. Berger, 2006, S. 187). Die Angebote der Primärprävention sollten bei Gruppen von Gleichaltrigen ansetzen, da diese einen hohen Einfluss auf das Verhalten haben und die Auseinandersetzung in der Gruppe hilft, notwendige soziale Ressourcen zur Bewältigung zu stärken. Weiters muss darauf geachtet werden, dass Betroffene, Eltern und Lehrer denselben Informationsstand aufweisen, da dadurch auch eine Auseinandersetzung zwischen diesen Gruppen ermöglicht wird (vgl. Berger, 2006, S. 188).
Primärpräventive Projekte sollten neben Depressionen, Ängsten sowie Persönlichkeitsstörungen auch die Bereiche Autoaggression und Suizidgedanken bearbeiten, da Anorexie auch eine sehr hohe Suizidrate aufweist. Außerdem sollte darauf geachtet werden, ein angemessenes Ernährungsmanagement zu vermitteln, da bei Essstörungen – anders als beispielsweise bei substanzgebundenen Süchten – nicht auf die Einnahme von Essen verzichtet werden kann (vgl. Berger, 2006, S. 188).
Neben der Reduktion von Risikofaktoren zielen präventive Maßnahmen auch darauf ab, Schutzfaktoren und Ressourcen von Jugendlichen zu fördern. Schutzfaktoren sind auf Seiten des Individuums personelle Ressourcen oder Resilienz und auf Seiten seiner Umwelt soziale Ressourcen, wie beispielsweise in Form von Unterstützungssystemen. Oft werden Schutzfaktoren auch einfach als Gegenteil von Risikofaktoren angesehen, wie beispielsweise Förderung des Selbstwertgefühls, positives Körperbild aber auch Genussfähigkeit, realistische Selbsteinschätzung sowie Kompetenzen wie zum Beispiel Konfliktfähigkeit (vgl. Berger, 2006, S. 190).
Da Jugendliche in der Adoleszenz grundlegende Verhaltensweisen sowie persönliche Wert- und Normvorstellungen entwickeln, kann diese Zeit gut für gesundheitsfördernde und präventive Projekte genutzt werden. Ein Beispiel hierfür ist das Programm „Stark im Leben“, welches das Ziel einer Magersuchtprävention anstrebt. Das Risikoverhalten soll reduziert und Schutzmaßnahmen gesetzt werden (vgl. Michaelsen-Gärtner & Paulus, 2008, S. 253).
Reaktionen der Familie auf die Krankheit haben auch Einfluss auf deren Verlauf. Untersuchungen zeigten, dass Familien, die das Kind zum Essen zwingen wollen und somit das Symptom in den Mittelpunkt stellen und alles andere vernachlässigen, negativ auf den Krankheitsverlauf einwirken (vgl. Scheer, Tappauf, Burmucic & Dunitz-Scheer, 2007, S. 807).



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