[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Frauen sind nicht etwa die besseren Menschen;
sie hatten bisher nur nicht so viel Gelegenheit, sich die Hände schmutzig zu machen.
Alice Schwarzer

Veränderung der Geschlechterstereotypen in den letzten 30 Jahren

Frauen Männer

In allen Kulturen gilt das Geschlecht als wichtige Kategorie für die soziale Differenzierung, mit ihr verbindet sich eine Vielzahl geschlechtsbezogener Erwartungen und Vorschriften. Kinder lernen schon sehr früh, welche Merkmale in ihrer Kultur als „männlich“ und welche als „weiblich“ angesehen werden, bzw. welches Verhalten vor diesem Hintergrund als abweichend gilt. Lawrence Kohlberg hat darauf hingewiesen, dass Kinder einen aktiven Beitrag bei der Interpretation ihrer Geschlechterrolle leisten, denn sobald sie die Unveränderbarkeit ihrer Geschlechtszugehörigkeit erkannt haben, streben sie danach, sich ihrem Geschlecht entsprechend zu verhalten. Während Kinder im jüngeren und mittleren Alter aufgrund ihres Entwicklungsstands recht starr Geschlechterstereotypen folgen, setzen sich Jugendliche eher kritischer mit solchen Normen auseinander.

Die Längsschnittstudie „Aida“ an über 3000 Berliner Jugendlichen zeigte, dass weibliche Jugendliche sind unzufriedener mit ihrem Äußeren sind, weil sie offenbar von dem zunehmenden Schönheitswahn der Erwachsenenwelt beeinflusst werden. Sie entwickeln weniger Ich-Stärke als männliche Jugendliche, das heißt, sie verfügen über ein weniger positives Selbstbild und eine geringere psychische Stabilität, auch ihr Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit und ihre Erfolgszuversicht sind im Schnitt geringer ausgeprägt. Obwohl sie in stärkerem Maße für die Gleichberechtigung von Frau und Mann in Familie und Beruf eintreten als die männlichen Jugendlichen, wählen sie in der großen Mehrheit geschlechterstereotype Berufe mit geringen Aufstiegschancen.

Die Pädagogin Renate Valtin hat in einer Studie LehrerInnen der Grundschule gebeten, Kinder im Alter von etwa zehn Jahren einen Text schreiben zu lassen zum Thema „Warum ich gern ein Mädchen/Junge bin“. Als Datenbasis liegen an die 100 Aufsätze aus dem Jahr 2010 sowie 181 Aufsätze aus dem Jahr 1980 vor, sodass Veränderungen in den 30 dazwischen liegenden Jahren untersucht werden können.

Dabei erwies sich die Annahme, die Kinder seien heute weit weniger von alten Stereotypen beeinflusst, als falsch. Im Gegenteil sind ihre Aussagen stark von Rollenklischees geprägt. Jungen empfinden sich bereits als das überlegene Geschlecht, das sich körperlich durch Stärke und Schnelligkeit, im technischen Bereich durch größere Geschicklichkeit und im sozialen Bereich durch Dominanz (Mut, Wildheit) auszeichnet. Jungen sind offenbar recht zufrieden mit ihrem Geschlecht, nur ganz selten finden sich kritische Äußerungen dazu. Stereotyp sind auch die Antworten der Mädchen, doch während sich in den Selbstbeschreibungen der Jungen von 1980 und 2010 kaum Unterschiede finden, ist das bei den Mädchen anders. Im Jahr 1980 waren ihre Äußerungen meist auf vier Bereiche gleichermaßen bezogen: praktische Fähigkeiten im Haushalt (25 Prozent), Attraktivität/Kleidung (22 Prozent), körperlich/sportliche Fähigkeiten und Spiele wie Gummitwist, Geräteturnen, mit Puppen spielen (20 Prozent) und soziales Verhalten/Fürsorglichkeit/Bravheit (20 Prozent). Im Jahr 2010 überwiegen hingegen die Äußerungen, die sich auf Schönheit und modische Attribute beziehen, während auf Hausarbeit bezogene Tätigkeiten 2010 nicht mehr genannt werden. Mädchen halten es heute also nicht mehr für so wichtig für ihre Rolle, angepasst zu sein und Fähigkeiten im Haushalt zu beherrschen, doch attraktiv zu sein hat für sie deutlich gewonnen.

Veränderungen zeigen sich auch darin, wie die Jungen die Mädchen wahrnehmen, denn von Jungen finden sich aktuell nur ganz selten positive Äußerungen über Mädchen bzw. im Jahr 2010 möchte nur ein Junge manchmal ein Mädchen sein. Gegenüber 1980 sind auch die Begründungen zahlreicher geworden, warum man kein Mädchen sein möchte. Die Jungen empfinden, dass sie zum bevorzugten Geschlecht gehören. denn sie unterliegen weniger Zwängen und haben größere Freiheiten. Die Mädchen allerdings haben heute wie vor 30 Jahren mehr Positives als Negatives über Jungen zu sagen, wobei etwa 20 Prozent der Mädchen schreiben, dass sie manchmal auch gern ein Junge wären, und verweisen dabei auf die größere Bewegungs- und Handlungsfreiheit von Jungen: Jungen dürfen Fußball spielen, auf Bäume klettern, sie dürfen mehr Blödsinn machen. Mädchen beneiden Jungen, auch wenn kritische Äußerungen zum Sozialverhalten der Jungen kommen.

Offensichtlich hat sich die Erwartung, dass sich nach 30 Jahren die Einstellungen bei Kindern in Richtung Gleichheit geändert hätten, nicht erfüllt, selbst wenn die schmale Datenbasis von nicht ganz 300 Aufsätzen nur vorsichtige Schlussfolgerungen erlaubt. Bedenklich ist vor allem, dass bei Mädchen die Attraktivität einen erheblich größeren Raum einnimmt, auch wenn dies von den Jungen dieser Altersstufe nicht einmal honoriert wird. Der Eindruck entsteht, dass die Gräben von Jungenseite aus tiefer geworden sind, da sie sich im Jahr 2010 stärker von Mädchen abgrenzen als 30 Jahre zuvor.

Frauen sind bessere Fahrer

Frauen sind die besseren Autofahrer - selbst wenn sie sich vor einen Simulator setzen, der als Videospiel-Domäne von Männern gilt. Das ergab ein Simulatinstest eines britischen Autoversicherers mit 1200 TeilnehmerInen. Frauen richten weniger Schäden an ihren Fahrzeugen an, gehen geringere Risiken ein und schätzen Gefahren besser ein. Zudem handelten sich Frauen weniger Strafmandate wegen Geschwindigkeitsübertretungen ein als Männer und machten sich mehr Mühe die simulierte Fahrt durch eine Stadt zu planen. Kartenlesen ist demnach ebenfalls keine Männersache. 84 Prozent der Frauen blickten auf die Straßenkarte, hingegen nur 64 Prozent der Männer.

Quelle: OÖNachrichten vom 05.09.2005

Vom "katholischen Arbeitermädchen vom Lande" zum "türkischen Großstadtjungen"

In den Bildungsdebatten der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts war "das katholische Arbeitermädchen vom Lande" jene Symbolfigur, die alle Benachteiligungen auf sich vereinte. Heute gilt das für den "türkischen Großstadtjungen". Männliche Jugendliche kommen in der frauendominierten Schule heute zu kurz, denn wer sich wie ein typischer Bub aufführt, wird schnell als hyperaktiv, aggressiv oder sozial defizitär wahrgenommen, während das angepasste, pflegeleichte Mädchen hingegen "zum Maßstab in den Schulen" geworden ist. Bildungsexperten sehen aber die Benachteiligung in der Schule nicht allein auf die Jungen aus Migrantenfamilien begrenzt, denn in der sind zwei Drittel aller Schulabbrecher männlich, ebenso drei Viertel der Sonderschüler. Auch bleiben Jungen deutlich häufiger als Mädchen sitzen. In der Grundschule erhalten sie trotz gleicher Kompetenzen oft schlechtere Noten als Mädchen, und auch 56 Prozent der Abiturienten sind weiblich. Dabei sollten Mädchen wie Jungen die Schule als einen Ort erleben, "der für sie da ist, der auf ihre Bedürfnisse eingeht - auch auf die geschlechterbedingten", sagte Erdsiek-Rave. Der Hamburger Pädagoge Frank Beuster folgerte: "Jungen kommen in der frauendominierten Schule heute zu kurz. Wer sich wie ein typischer Junge aufführt, wird schnell als hyperaktiv, aggressiv oder sozial defizitär wahrgenommen." Das angepasste, pflegeleichte Mädchen sei hingegen "zum Maßstab in den Schulen" geworden. Männliche Lehrer gewünscht: Schuld daran ist vor allem die auch heute noch zunehmende "Verweiblichung" der Pädagogik- und Erziehungsberufe.

Quelle: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/8/0,3672,3977480,00.html (06-09-01)

Geschlechtsspezifische Reaktion in emotionalen Situationen

Wenn ein Mensch auf emotionsauslösende Situationen kaum oder nur verzögert reagiert, gilt sie als emotional zurückhaltend, wobei eine solche emotionale Zurückhaltung in modernen westlichen Gesellschaften eine wichtige kulturelle Norm für Männer und Frauen gleichermaßen gilt. In einem Experiment zeigte man ProbandInnen jeweils fünf Sekunden lang Bilder von emotionsauslösenden Reizen und danach mussten diese ein vier Sekunden langes Video betrachten, in dem ein Mensch entweder mit Traurigkeit oder mit Wut auf das zuvor gezeigte Bild reagierte. Die Probanden bewerteten im Anschluss, wie emotional kompetent, empfindsam und gesellig sie die Frau oder den Mann im Video empfanden und wie authentisch und angemessen deren Reaktion war. Männer wurden immer dann als emotional kompetenter und intelligenter eingeschätzt, wenn sie verzögert reagierten, wobei diese Reaktion zudem als authentischer und angemessener bewertet wurde als unmittelbare Reaktionen. Für Frauen allerdings ergab sich ein genau entgegengesetztes Muster, denn Frauen, die unmittelbar reagierten, wurden als emotional kompetenter und intelligenter beschrieben als Frauen, die verzögerte Reaktionen zeigten. Offensichtlich wird Frauen attribuiert, dass sie ihre Emotionen weniger kontrollieren, sodass bei ihnen eine unmittelbare Reaktion natürlicher und authentischer wirkt. Das bestätigt offensichtlich das Klischee, dass von Männern im Allgemeinen emotionale Zurückhaltung erwartet wird, während für Frauen die emotionale Spontaneität typisch ist.

Literatur: Hess, U., David, S. & Hareli, S. (2016). Emotional restraint is good for men only: The influence of emotional restraint on perceptions of competence. Emotion, 16, 208–213.

Frauen beim Teilen großzügiger als Männer

Soutschek et al. (2017) haben untersucht, ob Gehirne von Frauen und Männer unterschiedlich auf soziales und egoistisches Verhalten reagieren. In einer Untersuchung mit einem Kernspintomographen machten 21 Männern und 19 Frauen zunächst einen Verhaltenstest, bei dem sie entscheiden sollten, ob sie lieber eine größere Summe Geld für sich allein haben wollen oder eine kleinere Summe für jeweils sich selbst und einen anonymen Mitspieler. wobei das Geld dann beiden tatsächlich ausgezahlt wurde. Dabei beobachtete man die Aktivität des Striatums, eines Areals in der Mitte des Gehirns, das für die Bewertungs- und Belohnungsverarbeitung zuständig und bei jeder Entscheidung aktiv ist, indem es positive Gefühle bewirkt, wodurch die Ausschüttung von Endorphinen ausgelöst wird. Der Hirnbereich war dabei bei Frauen besonders aktiv, wenn sie teilten, bei Männern hingegen war er aktiver, wenn sie eine egoistische Entscheidung trafen. In einer weiteren Untersuchung überprüfte man, ob sich das Verhalten ändert, wenn die Aktivität des Striatums durch Medikamente unterdrückt wird, wobei eine Hälfte der Gruppe den Wirkstoff Amisulprid erhielt, der den Botenstoff Dopamin hemmt, der das Belohnungssystem aktiviert, während die andere Hälfte der Gruppe ein Placebo erhielt. In der Gruppe, die das unwirksame Medikament bekam, entschied sich die Mehrheit (51%) der Frauen weiterhin dafür, das Geld aufzuteilen, in der Gruppe mit dem Medikament taten das jedoch nur noch 45%. Bei den Männern verbesserte sich das soziale Verhalten, denn ohne den Wirkstoff bedachten 40 Prozent den Mitspieler, mit dem Medikament 44 Prozent. Auch wenn die Unterschiede nur minimal sind, konnte man neurologisch nachweisen, dass das männliche Gehirn eher egoistische Entscheidungen belohnt, das Gehirn der Frauen eher soziale Entscheidungen. Dieses Verhalten ist allerdings nicht angeboren, denn das Belohnungszentrum ist stark mit Lernprozessen im Gehirn verbunden, denn Frauen werden so erzogen, eher eine Belohnung für pro-soziales als für egoistisches Verhalten zu erwarten.

Literatur: Soutschek, Alexander, Burke, Christopher J., Raja Beharelle, Anjali, Schreiber, Robert, Weber, Susanna C., Karipidis, Iliana I., ten Velden, Jolien, Weber, Bernd, Haker, Helene, Kalenscher, Tobias & Tobler, Philippe N. (2017). The dopaminergic reward system underpins gender differences in social preferences. Nature Human Behaviour, doi: 10.1038/s41562-017-0226-y.


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