Der Einfluss des Musizierens auf das Gehirn

Quelle:
http://www.nachrichten.at/archiv/
retrieve.asp?query=-shlyc:client/ooen/
ooen/textarch/j2002/q1/m03/t18/ph/
s007/005_001.dcs&ausgabe=H/
Hauptausgabe&datum=18.03.2002&
seite=007 (02-06-24)
http://nachrichten.rp-online.de/
kultur/wiedergeburt-des-wiegenlieds-
1.104079 (10-10-22)

Musik ist nach Ansicht von Experten eine biologisch verankerte, sensorische und kognitive Sprache des menschlichen Gehirns und spricht Gehirnregionen an, in denen die motorische Kontrolle, das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und Sprache verarbeitet und gesteuert werden. Akustische Klangmuster können daher den Bau neuronaler Netze im Gehirn ansprechen und verändern. In einem Experiment an einem kleinen afrikanischen Volksstamm in Kenia wurde z.B. festgestellt, dass das Anhören einer Melodie in Dur Freude hervorgerufen hat, während eine in Moll gehaltene Melodie schwermütige Gedanken auslöste. Offensichtlich reagieren Menschen auf bestimmte Tonfolgen und Intervalle auf Grund eines kulturell und genetisch verankerten Musters. Musik bleibt übrigens auch länger im Gedächtnis erhalten als Sprache, wobei Musik einen wesentlichen Anteil an sozialen Interaktionen hat, denn z.B. Hymnen und Volkslieder können durch ihre rhythmische Struktur ein Wir- und Sicherheitsgefühl hervorrufen. Besonders in der Werbung wird durch den Einsatz der Musik an der Verfestigung einer Marke im Gedächtnis der Konsumenten gearbeitet.

Aufgrund vieler Beobachtungsstudien wurden positive Einflüsse des Musizierens auf die Entwicklung von Kindern, gewisse Transfereffekte wie geringere Aggressivität, höhere Sozialisation und Konzentration aber auch bessere schulische Leistungen festgestellt, jedoch waren bislang die Vorgänge im menschlichen Gehirn durch musikalische Betätigung kaum nachvollziehbar und beweisbar. Einig waren sich die Hirnforscher, dass aktives Musizieren wie keine andere Tätigkeit dauerhaften Einfluss auf die Gehirnanatomie hat. Die gleichzeitige Anregung vieler Hirnareale führt - ständiges Training vorausgesetzt - einerseits zu einer intensiveren Vernetzung einzelner Hirnsysteme und andererseits zu einer Fokussierung und Ökonomisierung.

Im Unterschied zu Laien werden bei Professionisten andere Hirnregionen - auch solche, die Gedächtnis- und Kreativitätsleistungen erbringen - angesprochen, allerdings nur punktuell und daher wesentlich effizienter. Dadurch wird das Gehirn auch für andere Aufgaben leistungsfähiger. Interessanterweise wurde durch die Naturwissenschafter auch die qualitative Unterscheidung zwischen E- und U-Musik nachgewiesen: Die positiven Vernetzungseffekte sind bei Schlager- und Popmusik kaum oder gar nicht vorhanden.

Renaissance des Wiegenliedes

Musik muss analog zum Spracherwerb als grundlegendes menschliches Kommunikationssystem gefördert werden. Hier sind besonders die Eltern aufgerufen, diese Aufgabe nicht technischen Hilfsmitteln zu überlassen, sondern selbst aktiv zu werden. Wiegenlieder, die in allen Kulturen der Welt überraschend ähnliche Melodiekonturen aufweisen, sind u. a. Grundlage einer nonverbal emotionalen Verständigung. Wiegenlieder (Engländer nennen ein Wiegenlied "Lullaby", Franzosen "Berceuse", Italiener "Ninna Nanna", Türken "Ninni", Indonesier "Nina-Bobok", Finnen "Kehtolaulu") sind eine Form der Berührung zwischen Mutter und Kind vor dem Einschlafen, wobei deren Stil relativ unabhängig von der Zivilisation ist. Das Singen von Wiegenliedern war früher mit dem Schaukeln der Wiege verbunden, wobei die Frequenz des Schaukelns das Tempo des Liedes bestimmte. Wiegenlieder werden oft Jahrzehnte von Generation zu Generation weitergetragen und zum Fixpunkt kultureller Identität. Es ist nachgewiesen, dass sich viele Menschen, nach ihren ersten musikalischen Erlebnissen befragt, an den Gesang der Mutter oder Großmutter vor dem Einschlafen erinnern. Diese Emotionen prägen sich ein und werden wiedererkannt. Musikforscher haben Probanden im Labor Wiegenlieder der nordamerikanischen Zuniga-Indianer und der Hanunóo von den Philippinen hören lassen, wobei diese überdurchschnittlich oft auf einer Bewertungsskala als entspannt, zart, ruhig, weich, gelöst und zurückhaltend empfunden wurden. Wenn Mütter in Ghana, Peru, Belgien oder Laos ihren Kindern vorsingen, sind die Eigenschaften der Lieder sehr ähnlich. Wiegenlieder findet man auch in alten Dokumenten, wobei diese etwa zur Barockzeit mit Texten von hohem Kunstanspruch unterlegt waren, doch viele Wiegenlieder werden auch heute noch textlos vorgetragen, oft auf Silben wie lu-lu, na-na, bu-bu gesummt oder gebrummt, in der Tonhöhe moduliert und stets leise gesungen, weil das Entschlummern nicht gefährdet werden soll. Ein Wiegenlied erkennt man durch diese ähnlichen Muster an jedem Ort der Welt. Texte von Wiegenliedern werden meist ein Leben lang nicht vergessen, was zum einen am Wiederholungseffekt liegt, zum anderen speichert das Gehirn nachts das vor dem Einschlafen Gehörte ab. Kinder, die regelmäßig besungen werden, sind auch dauerhaft entspannter als solche, die auf diese Form der Musik verzichten müssen.

Äußerst positive Ergebnisse erzielten Modelle, bei denen Eltern und Kinder gemeinsam das Musizieren erlernten und praktizierten. Dazu bedarf es aber speziell geschulter Früh- und Frühsterzieher, die jedoch weder in Kindergärten noch in Grundschulen ausreichend eingesetzt werden. Dies ist umso bedauerlicher, weil seit Jahren bekannt ist, dass es für das Erlernen von Fähigkeiten so genannte neuronale Fenster (Zeiträume, in denen sich Anlagen besonders effektiv weiterentwickeln) gibt. Bei der Musik endet die intensivste Lernperiode mit dem 9. Lebensjahr, spätestens mit der Pubertät. Danach findet die für die Musikalität notwendige Vernetzung nicht mehr ausreichend statt.

Siehe dazu auch Sensible Phasen und ihr Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns

Wie wirkt sich Musizieren auf menschliche Fähigkeiten aus?

Quellen:
http://www.nachrichten.at/nachrichten/
ooen.asp?id=272399 (02-03-18)
http://pressetext.at/news/110422002/
musikschule-macht-sich-lebenslang-bezahlt/ (11-04-22)
Kann Musikalität erlernt werden oder ist sie ausschließlich durch genetische Veranlagungen vorbestimmt? Diese und viele andere interessante Fragen, die das weite Spannungsfeld von "Mensch und Musik" zu hinterfragen versuchten, wurden kürzlich bei einem vom Salzburger Mozarteum veranstalteten Kongress von Musikpädagogen und Naturwissenschaftern erörtert. Das Problem war bisher, dass zwar aufgrund vieler Beobachtungsstudien positive Einflüsse auf die Entwicklung von Kindern, gewisse Transfereffekte - wie geringere Aggressivität, höhere Sozialisation und Konzentration - und eben auch bessere schulische Leistungen feststellbar waren, dass aber bislang die Vorgänge im menschlichen Gehirn durch musikalische Betätigung kaum nachvollziehbar und damit die lediglich statistisch ausgewerteten Ergebnisse nicht wirklich beweisbar waren.

Musik ist Kommunikation

Trotz verschiedener Forschungsansätze lassen sich nun einzelne Aspekte des Musiklernens als gegeben annehmen. So waren sich die Hirnforscher einig, dass aktives Musizieren wie keine andere Tätigkeit derartig dauerhaften Einfluss auf die Gehirnanatomie hat. Die gleichzeitige Anregung vieler Hirnareale führt - ständiges Training vorausgesetzt - einerseits zu einer intensiveren Vernetzung einzelner Hirnsysteme und andererseits zu einer Fokussierung und Ökonomisierung. Im Unterschied zu Laien werden bei Professionisten ganz andere Hirnregionen - auch solche, die Gedächtnis- und Kreativitätsleistungen erbringen - angesprochen, allerdings nur punktuell und daher wesentlich effizienter. Dadurch wird das Gehirn auch für andere Aufgaben leistungsfähiger. Deshalb ist wohl auch der Slogan, dass Musik intelligent macht, nicht ganz von der Hand zu weisen. Interessanterweise wurde durch die Naturwissenschafter auch die qualitative Unterscheidung zwischen E- und U-Musik nachgewiesen: Die positiven Vernetzungseffekte sind bei Schlager- und Popmusik kaum oder gar nicht vorhanden.

Wer seine motorischen Fähigkeiten etwa beim Erlernen eines Musikinstruments steigern möchte, sollte abends üben und morgens gut ausschlafen, sagen amerikanische Forscher der Harvard-Universität: Im Schlaf prägen sich nicht nur zuvor gelernte Vokabeln oder Gedichtverse besser ein, sondern auch komplizierte Bewegungsabläufe. Die Wissenschaftler stützen sich auf Experimente mit Versuchspersonen, die an einer Computertastatur bestimmte Tastenkombinationen möglichst schnell und präzise drücken sollten. Die Probanden, die abends vor dem Schlafengehen übten, waren zwölf Stunden später im Schnitt um 20 % besser. Bei der Vergleichsgruppe, die am Morgen geübt hatte, waren es hingegen nur 2 %. Am wichtigsten für das Vertiefen von Bewegungsabläufen sind die traumlosen Schlafphasen in der zweiten Nachthälfte, erläutert Mitautor Matter Walker. Wer morgens sehr früh aufstehe, dem fehle ein Teil dieser Phasen.
(Neuron, Ausgabe vom 3. Juli)

Wer als Kind ein Musikinstrument lernt, schult damit sein Gehirn für das ganze Leben, berichten Forscher der University of Kansas in der Zeitschrift "Neuropsychology". Sie konnten die Folgen des Musizierens im Kindesalter auch für das Seniorenalter dokumentieren, wobei mehrere Gehirnfunktionen durch den Instrumentalunterricht nachhaltig verbessert werden - was auch für Menschen gilt, die das Instrument nach der Schulzeit an den Nagel hängen. Die Forscher untersuchten 70 gesunde Erwachsene zwischen 60 und 83 Jahren, die sie je nach musikalischer Erfahrung in drei Gruppen gliederten. Der erste Teil von ihnen hatte länger als zehn Jahre hobbymäßig ein Instrument gelernt, der zweite weniger lange, der dritte gar nicht. Alle besaßen ähnliche Bildung und körperliche Verfassung und zeigten keine Demenz-Anzeichen. In kognitiven Tests schnitten diejenigen am besten ab, die als Kind ein Instrument gelernt hatten - besonders wenn es um das räumlich-visuelle Gedächtnis, um Objektbezeichnungen oder um die Anpassungsfähigkeit an neue Informationen ging. Allerdings können diese beobachteten Effekte teilweise auch durch ein unterstützendes Elternhaus, durch Ausdauer und gutes Selbstmanagement der Musikschüler beeinflusst sein. Dennoch schneiden Musikstudenten beim visuellen Gedächtnis oder bei Strategiebildungen besser ab als Kommilitonen aus der Medizin oder Psychologie. Zudem zeigen Schlaganfall-Patienten bei gleichem Schädigungsausmaß geringere Ausfälle, wenn sie früher musiziert haben, was vermutlich auf besser vernetzte Gehirnzellen zurückzuführen ist, die Kompensationen bei Ausfällen von Teilen des Gehirns erleichtern.

Welche Konsequenzen hat die Musikpädagogik aus diesen Erkenntnissen zu ziehen? Musik muss analog zum Spracherwerb als grundlegendes menschliches Kommunikationssystem gefördert werden. Hier sind besonders die Eltern aufgerufen, diese Aufgabe nicht technischen Hilfsmitteln zu überlassen, sondern selbst aktiv zu werden. Schließlich wird ja auch keine CD zum Erlernen der Muttersprache verwendet.

Wiegenlieder, die in allen Kulturen der Welt überraschend ähnliche Melodiekonturen aufweisen, sind u.a. Grundlage einer nonverbal emotionalen Verständigung. Äußerst positive Ergebnisse erzielten Modelle, bei denen Eltern und Kinder gemeinsam das Musizieren erlernten und praktizierten. Dazu bedarf es aber speziell geschulter Früh- und Frühsterzieher, die jedoch weder in Kindergärten noch in Grundschulen ausreichend eingesetzt werden.

Talent muss man fördern

Dies ist umso bedauerlicher, weil seit Jahren bekannt ist, dass es für das Erlernen von Fähigkeiten so genannte neuronale Fenster gibt. Das sind Zeiträume, in denen Kinder Anlagen besonders effektiv weiterentwickeln können. Im Fall der Musik endet die intensivste Lernperiode mit dem 9. Lebensjahr, spätestens mit der Pubertät. Danach findet die für die Musikalität notwendige Vernetzung nicht mehr ausreichend statt. Talent ist genetisch veranlagt. Wird es aber nicht von Geburt an gefördert, kann es sich nicht entfalten. Die Kultur- und Bildungspolitik sollte diese Aufgaben massiv unterstützen, damit Musik in all ihren Spielformen wieder zu einer Grundlage menschlicher Kommunikation werden kann. Das Sprechen mit und durch Musik als eine der höchsten Kulturleistungen überhaupt haben wir beinahe verlernt.

Quellen zum Thema Gedächtnis

Köhler, Bertram (2001). Nachdenken über Evolution.
WWW: http://home.t-online.de/home/Bertram.Koehler/Denken.htm
Kramar, Thomas (2001). "Alles, was zählt, dauert drei Sekunden" - Wie sich das Gehirn die Gegenwart strukturiert. Die Presse, 3.2., S. VIII.
Lange, Anne Katharina (o.J.) Das Korsakow-Syndrom.
WWW:http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/sonstiges/neuropsychologie/syndrome/korsakow.htm
Markowitsch, Hans .J. (1995). Anatomical basis of memory disorders. In M.S. Gazzaniga (Ed.), The cognitive neurosciences (pp. 665-679). Cambridge, MA: MIT Press.
Markowitsch, Hans .J. (1996). Neuropsychologie des menschlichen Gedächtnisses. Spektrum der Wissenschaft, Sept., 52-61.
Markowitsch, Hans J. (1998). Das Gedächtnis des Menschen: Psychologie, Physiologie, Anatomie. In E.P. Fischer (Hrsg.), Mannheimer Forum 97/98: Gedächtnis und Erinnerung (S. 167-231). München: Piper.
Markowitsch, H.J. (1998b). Gedächtnisstörungen. Stuttgart: Kohlhammer.
Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.) (1995). Entwicklungspsychologie. Weinheim: PVU.
Markowitsch, H.-J., Matura, S. & Welzer, H. (2004). Die Entstehung des menschlichen Gedächtnisses. Stuttgart: Klett-Cotta.
Oddo, Silvia, Schwab, Anna & Welzer, Harald (2002). Erinnerung und Gedächtnis &endash; ein Werkstattbericht.
WWW: http://www.memory-research.de/index2.htm (04-05-25)
Schultz, Wolfram (1993). Lernen, Gedächtnis und Gehirn.
WWW: http://www.unifr.ch/spc/UF/93mai/schultz.html (00-05-25)
Welzer, H. (2002). Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. München: C.H. Beck.
http://www.geo.de/themen/medizin_psychologie/gedaechtnis/gedaechtnis_02.html (01-11-26)
http://www.sueddeutsche.de/aktuell/?section=wissen&myTM=full&id=955390503.33273&myTime=20000411122254 (01-12-24)
http://www.sueddeutsche.de/250383/985/2795506/Ein-Affe-plant-den-Aufstand.html (09-03-11)

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