[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Situations-Reaktions-Fragebogen zur Messung elterlicher Sensitivität

Kinder brauchen nicht jemanden, der ihnen ständig Ratschläge gibt,
sondern jemanden, der ihnen zuhört – und das nicht nur mit halbem Ohr.
Emma Thompson

 

Quelle:

Gugger, N., Hänggi, Y., Perrez, M. & Schweinberger, K. (2010). Situations-Reaktions-Fragebogen zur Messung elterlicher Sensitivität. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 42, 1-14

Siehe auch
Geschichte der Kindererziehung - Erziehung und Kultur
Wertewandel in der Kindererziehung - Neuere Entwicklungen in der Kindererziehung
Auswirkungen von Schichtunterschieden auf die Erziehung - Mögliche Ursachen dieser Unterschiede
Erziehungsstile - Begriffsbestimmung und Begriffsabgrenzungen
Grenzen der Erziehung
Die drei Phasen der Abhängigkeit

Elterliche Sensitivität und ihre Erfassung

Als elterliche Sensitivität wird die Fähigkeit definiert, Signale und Feinzeichen eines Kindes korrekt wahrzunehmen, zu interpretieren und unverzüglich als auch adäquat auf dessen Bedürfnisse zu reagieren (Ainsworth, Bell und Stayton zit. nach Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 1). Um diese Sensitivität zu ermitteln wurden bisher kodierte videografische Verfahren als Fremdbeobachtungsmethode angewandt. Derartige Verfahren sind zwar einerseits objektivierbar, standardisiert und leicht wiederholbar, jedoch andererseits sehr zeitaufwendig (Künster zit. nach Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 1). Entweder für den Probanden, wenn die Videoaufnahmen im Labor durchgeführt werden oder für den Untersuchenden, wenn die Aufnahmen im Privatbereich des Probanden erfolgen. Das erstellte Videomaterial muss dann noch kodiert werden, was wiederum viel Zeit in Anspruch nimmt, so dauert zum Beispiel die Auswertung bei der Bestimmung des CARE-Index für 3 Minuten Videosequenz immerhin 15 Minuten.

Um diesen Aufwand zu minimieren wurde nach einem geeigneten Selbstbeurteilungs-verfahren gesucht, jedoch sind derartige Verfahren dafür anfällig, eher globale Einstellungsvariablen als tatsächliches Verhalten zu erfassen (Harris, Wilhelm & Perrez zit. nach Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 2).

In einer Studie zur Feinfühligkeit in Bezug auf kindlichen Stress wurde bereits zusätzlich zu Fremdbeurteilungen auch ein Selbstbeurteilungsverfahren in Form eines Tagebuchs verwendet (Leerkes Crockenberg und Burrous zit. nach Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 2). Bei diesem Verfahren sollten Mütter während einer Woche bindungsspezifische Situationen dokumentieren. Dabei wurde die Situation bzw. das Verhalten des Kindes beschrieben, dann die direkte Reaktion der Mütter auf dieses Verhalten und dann das darauf folgende Verhalten des Kindes. Dann wurde die mütterliche Sensitivität entsprechend auf einer 5-Punkte-Skala bestimmt.

Als Stärke des Tagebuch-Verfahrens erwiesen sich die Dauer von mehreren Tagen und die Möglichkeit der Erfassung alltagsrelevanter Informationen. Schwierig erwies sich jedoch die Überprüfung der Richtigkeit der Angaben bzw. inwieweit das Verfahren die Aufmerksamkeit der Eltern beeinflusst haben könnte (Künster zit. nach Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 2).

Der PS-SRQ

Ähnlich zum oben erwähnten Tagebuch-Verfahren beschreibt der PS-SRQ-Fragebogen alltägliche diffizile Situationen zwischen kleinen Kindern und ihren Eltern. In drei Studien wurden von den Autoren verschiedene Aspekte des Verfahrens erörtert.

In Studie 1 sollten drei Situationsbeschreibungen gefunden werden, in welchen die elterliche Sensitivität am wahrscheinlichsten zur Aktivierung kam. Es sollten solche Situationen gefunden werden, in denen die Gründe für kindliches Verhalten nicht bekannt waren und daher die Eltern nicht auf gewohnte und bewährte Strategien zurückgreifen konnten, sich daher in das Kind hineinversetzen mussten.

Dafür wurden sechs verschiedene Situationsvignetten von Testpersonen beurteilt, nämlich ob die vorgegebene Situation bereits einmal erlebt worden war, ob sie für die Probanden vorstellbar wäre, ob diese Situation eher für eine Mutter oder für einen Vater typisch wäre und ob sich die Testperson in einer solchen Situation immer gleich verhalten würde.

Als Ergebnis der Studie wurden von den Autoren die Situationsvignetten "Nachtruhe", "Arbeit 2" und "Wohnzimmer" ausgewählt, da in diesen die Ursache für das kindliche Verhalten nicht objektiv erörtert werden konnte und daher sensitives Einfühlen in die möglichen Bedürfnisse des Kindes erforderten (vgl. Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 2ff).

Durch Studie 2 sollten reliable Skalen zur Erfassung elterlicher Sensitivität konstruiert werden um die vier Bestimmungsstücke der Sensitivität (Empathie, Promptheit, korrekte Interpretation und adäquate Reaktion) abzubilden. Dazu wurden dieselben Fragebögen wie in Studie 1 verwendet jedoch nur noch die drei ausgewählten Situationsvignetten vorgegeben und für jede je 30 Reaktionsalternativen formuliert. Die Autoren konnten anschließend die Reliabilität der Skalen sowohl durch diese Vorstudie als auch später in Studie 3, diesmal Mütter und Väter getrennt nachweisen (vgl. Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 4ff).

Die dritte Studie diente zur Prüfung der Konstruktvalidität des PS-SRQ. Es wurde ein positiver Zusammenhang zwischen elterlicher Sensitivität und wünschenswertem Elternverhalten vermutet bzw. dass hohe Stresswerte und extreme Persönlichkeitseigenschaften mit verminderter Sensitivität korrelieren (Mäntymaa, Puura, Luoma, Salmelin & Tamminien 2006, Paulussen-Hageboom, Stams, Hermanns & Peetsma 2007, Repetti & Wood 1997 und Teti, O'Connell & Reiner 1996 zit. nach Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 8). Dazu wurden Befindens-, Erziehungs- und Persönlichkeitsskalen herangezogen. Außerdem war auch ein Zusammenhang zwischen kindlichem Temperament und der Ausprägung der elterlichen Sensitivität zu erwarten (Ziegenhain zit. nach Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 8). Die Skalen umfassten Fragen zu Aspekten der Erziehung, der Einstellung zu Familie und Elternrolle, dem psychischen Befinden. der Persönlichkeit der Eltern und der des Kindes. Die erwarteten positiven als auch negativen Zusammenhänge konnten von den Autoren belegt werden, auch die vermuteten Geschlechterunterschiede (vgl. Hänggi, Schweinberger, Gugger & Perrez, 2010, S. 8 ff).

Durch die Studien konnte die hohe interne Konsistenz und die Konstruktvalidität (besser für Mütter, schlechter für Väter) des PS-SRQ nachgewiesen werden. Bevor der Fragebogen jedoch in der Forschung als Beobachtungsinstrument angewendet werden kann bedarf es noch zusätzlicher Validierungsschritte, die eine konvergente Validität mit bisherigen Fremdbeobachtungsverfahren prüfen und nachweisen. Obgleich die Autoren aufgrund Studie 3 vermuten, dass die Antworten objektiv abgegeben wurden, muss noch geprüft werden, ob der PS-SRQ tatsächlich reale Verhaltensmuster abbildet.

Die Autoren sehen die vorliegenden Resultate als vielversprechenden Hinweis dafür, dass mithilfe des PS-SRQ zumindest die mütterliche Sensitivität zeiteffizient, valide und reliabel erhoben werden kann.



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