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Beispiel für eine Abduktion

Das Problem des abduktiven Schlusses in den Wissenschaften beruht darauf, dass es prinzipiell nicht sicher entscheidbar ist, ob der Wissenschaftler unter der theoretisch unendlichen Vielzahl von möglichen Gesetzmäßigkeiten zur Erklärung eines Sachverhaltes gerade die richtige ausgewählt hat. Befinden sich nämlich unter den zunächst hypothetisch erwogenen Gesetzmäßigkeiten ausschließlich falsche Erklärungen - was bei einer großen Anzahl von Hypothesen auf Grund der Erfahrung eher selten vorkommen mag-, so kann auch im Prozess des Ausscheidens unzutreffender Hypothesen am Ende keine zutreffende Erklärung übrig bleiben. Hier spielen letztlich auch forschungsökonomische und wissenschaftsgeschichtliche Aspekte eine gewisse Rolle.

felix wandert hin und herEin weiteres Beispiel

(A) Alle Kater sind schwarz.
(C) Felix ist schwarz.

(B) Felix ist ein Kater. (??)

Das war eine Abduktion (Schluss von der Praemissa maior und der Conclusio auf die Praemissa minor). Gemäß (A) und (C) ist (B) zwar möglich, aber keineswegs wahrscheinlich, denn beispielsweise auch Kohlen oder Schornsteinfeger sind schwarz. Der hier formulierte Schluss ist also ziemlich unsicher, er kann allenfalls "zufällig" wahr sein. Es gibt nämlich für seine Richtigkeit zunächst keinen einzigen gesicherten Belegfall. Das ist nicht nur ein quantitativer, sondern ein qualitativer Unterschied zur Induktion. Der abduktive Schluss spekuliert, er verwertet Indizien. Dies entspricht im Alltag zum Beispiel der Arbeitsweise eines Kriminalbeamten, der einen Tatverdächtigen überführen will, oder der Tätigkeit eines Arztes, der aufgrund von bestimmten Symptomen eine (vorläufige und stets unsichere) Krankheitsdiagnose stellt. In den empirischen Wissenschaften werden die besonders kreativen, innovativen und originellen Hypothesen durch Abduktion gewonnen. Nur mit ihrer Hilfe gelangt man zu substanziell neuen Erkenntnissen. Der Abduktionsschluss ist rhetorisch, das heißt vielleicht wahr, und er ist potenziell wahrheitsentdeckend. Er bedarf zu seiner Absicherung unbedingt der Überprüfung mittels der hypothetisch-deduktiven Methode.

Induktion, Deduktion und Abduktion

Die Differenz zwischen Induktion und Abduktion besteht darin, daß der verallgemeinernde Charakter der Induktion den Gegenstandsbereich innerhalb einer gegebenen Art quantitativ erweitert, während der verallgemeinernde Charakter der Abduktion darin besteht, von einer Art zu einer anderen zu gelangen. Die Abduktion zielt auf die Einführung neuer Ideen, "idealer Gegenstände" oder "hypostatischer Abstraktionen", die insofern einen "allgemeineren" Blick auf die Ausgangsfakten erlauben, als sie die Möglichkeit gewähren, die Gegenstandsbereiche unserer Theorien und Erfahrungen neu zu ordnen, zu strukturieren oder von einem neuen point of view aus wahrzunehmen.

So könnte man beispielsweise sagen, daß der Schluß "Alle Raben, die ich je gesehen habe, waren schwarz, also sind wahrscheinlich alle Raben schwarz", insofern induktiv ist, als innerhalb der gleichen Art von Raben von denjenigen der Vergangenheit auf diejenigen der Zukunft geschlossen wird, während er insofern abduktiv ist, als ich ja irgendwann einmal von meinen Beobachtungen (= Fakten der einen Art) auf die allgemeinen Terme "Rabe" und "schwarz" (= Fakten einer anderen Art) gekommen sein muß.

Zusammenfassend können wir also folgende Definitionen festhalten:

Traditionell ist allein der induktive Schluß verallgemeinernd oder erkenntniserweiternd. Doch nach Peirce gilt das nur in einem sehr eingeschränkten, quantitativen Sinne. Fragen wir danach, wie wir zu unseren allgemeinen Termen gekommen sind, die wir in der Induktion bereits voraussetzen, dann sind wir mit Peirce bei einem weiteren Begriff der Verallgemeinerung, der weder durch Induktion noch durch Abduktion allein, sondern durch das Zusammenspiel von Abduktion, Deduktion und Induktion bestimmt ist. So können wir folgende Definition von Lernen als Verallgemeinerung formulieren:

Lernen als Verallgemeinerung ist ein Prozeß, der auf folgende Weise durch das Zusammenspiel von Abduktion, Deduktion und Induktion bestimmt werden kann: In abduktiven Schlüssen werden ideale Gegenstände, erklärende Hypothesen oder Perspektiven generiert, aus denen per Deduktion notwendige Implikationen abgeleitet werden, die dann experimentell zu überprüfen sind, wobei von den Ergebnissen der Prüfung induktiv die Wahrscheinlichkeit der Hypothesen erschlossen werden kann.

Was ist Abduktion?

Vergleich der Schlußformen Deduktion, Abduktion, Induktion

Siehe auch: Zusammenspiel von Induktion, Deduktion und Abduktion beim Lernen des Kindes

Quellen & Literatur

Altenseuer, Timo (2000). Abduktion: Die Bildung einer Hypothese.
WWW: http://www.uni-bielefeld.de/idm/forschung/publikation/
occpaper/occ160/occ160k3.htm (02-02-02)
Bauer Axel W. (2000). Deduktion, Induktion, Abduktion und die hypothetisch-deduktive Methode in den empirischen Wissenschaften.
WWW: http://www.uni-heidelberg.de/institute/fak5/igm/g47/bauerabd.htm (01-06-26)
Krems, Josef (o.J.). Schließen von Folgen auf Ursachen: Induktiv, deduktiv oder abduktiv?
WWW: http://private.addcom.de/eFelix/Politik/induktiv_deduktiv.htm (00-03-26)
Krems, J. & Johnson, T. (1995). Integration of Anomalous Data in Multicausal Explanations (S. 277-282). In J. Moore & J. Lehman (Eds.), Proceedings of the 17th Annual Conference of the Cognitive Science Society. Hillsdale: Erlbaum.
Peckhaus, Volker (1999). Abduktion und Heuristik.
WWW: http://www.phil.uni-erlangen.de/~p1phil/personen/peckhaus/texte/abduktion.html (02-02-02)
Wirth, Uwe (1995). Abduktion und ihre Anwendungen. Zeitschrift für Semiotik, 17, 405-424.
Wirth, Uwe (1999). Diskursive Dummheit. Abduktion und Komik als Grenzphänomene des Verstehens. Heidelberg: Winter.
Microsoft Encarta 1999.
Bild: http://med.uni-hd.de/igm/g47/bafelix.gif



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